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Digitalisierung von unten? Ein zu lang geratener Kommentar auf ein Experiment von Jan-Martin Klinge

31. Oktober 2017 um 23:05

In seinem aktuellen Blogbeitrag beschriebt Jan-Martin Klinge, wie er mit seiner 11jährigen Tochter Carolina ein Experiment beginnt: An ihrer Schule, an der vorwiegend analog gearbeitet wird, versucht sie, in ihrem Unterricht ein Tablet anstelle von Schulheften zu nutzen. Mit diesem Blogbeitrag möchte ich darauf antworten, da mein anfängliches Ansinnen, das Kommentarfeld in seinem Blog zu nutzen, ausgeufert ist.

Dieser Beitrag hat mich deshalb so angesprochen, weil ich mich (bald) in einer ganz ähnlichen Situation sehe. In meiner Familie steht der Sprung an eine weiterführende Schule an und die Situation an den Schulen hier in Münster ist betrüblich.  Natürlich gibt es Pioniere und kreative Köpfe an vielen Schulen, die versuchen, der gesellschaftlichen Entwicklung im Zeitalter der Digitalisierung Rechnung zu tragen. Aber die Bedingungen werden hinter vorgehaltener Hand als katastrophal bezeichnet. Und zwar von Personen, die es einschätzen können. Deshalb stellt sich auch für mich bald die Frage: Wie reagieren wir als Familie auf diese unzeitgemäße Ausstattung? Ist das Experiment der Familie Klinge vielleicht auch etwas für uns?

Der zweite Grund warum mich der Beitrag angesprochen hat, liegt in der Tatsache begründet, dass ich versuche, bei meiner eigenen Schule die Entwicklung zu fördern. Und hier stellt sich durchaus die Frage, inwiefern die „Digitalisierung von unten“ zum Entwicklungsprozess beitragen kann.

Reaktionen

Für den Blogbeitrag erntete der Autor Interesse, Vorschläge und auch Kritik. Z. B. diese:

Kann die allg Begeisterung nicht teilen, weil a.) ein Kind (von oben bestimmt) als Versuchsobjekt eingesetzt und b.) nur digitalisiert wird.

— Dejan Mihajlović (@DejanFreiburg) 31. Oktober 2017


Den Punkt a) in Dejans Tweet kann ich nicht beurteilen, da ich nicht dabei war. Möglicherweise haben Sätze wie „Nach nun zwei Monaten habe ich Carolina freigestellt, wieder auf ein Heft zu wechseln“ zu der Einschätzung geführt, das Experiment wäre unter erheblichem elterlichen Zwang verlaufen. Ich vermute hingegen, dass ihrerseits im Vorfeld durchaus Interesse und Bereitschaft vorlagen.

Den Punkt b) möchte ich genauer kommentieren. Zunächst einmal hat Dejan völlig Recht mit seiner Einschätzung: Es wird (bisher) lediglich digitalisiert. Er bezieht sich hier indirekt vermutlich auf das SAMR-Modell, das aufzeigt, dass eine bloße Ersetzung (= Substitution) des Analogen durch etwas Digitales wenig bis gar keinen „Mehrwert“ hat. Ferner bezieht er sich vielleicht auf das 4K-Modell, das einen kreativen, kollaborativen, kommunikativen Unterricht einfordert, in dem kritisch gedacht wird. Ob das im Unterricht stattfindet, ist aus dem Blogbericht nicht genau ablesbar, die Art und Weise, wie Carolina (bisher) die Technik nutzt, lässt zumindest nicht darauf schließen, dass die technischen Möglichkeiten dahingehend ausgeschöpft werden.
Carolina ist somit in einer ähnlichen Situation und reagiert ähnlich wie der Schüler Dominik Müller vor einigen Jahren. Der hat ebenfalls als einsamer Streiter ein Tablet anstelle von Schulheften genutzt. Er hat dann in einem Blog und in einem Vortrag darüber berichtet und (zurecht) sehr viel Aufmerksamkeit, Aufmunterung und Anregungen bekommen.

Das Blog unter https://t.co/4I7MvYehrG und der dazu gehörende Vortrag auf den Kremser #edudays unter https://t.co/EQPrvxhiDc

— Torsten Larbig (@herrlarbig) 31. Oktober 2017


Niemand ist damals auf die Idee gekommen, ihm zu sagen, er solle das doch bitte lassen, weil er mit seiner Ersetzungsstrategie ja gar nicht den Unterricht revolutioniere. Natürlich nicht. Das war ja auch nicht seine Aufgabe. Er hat auf seine Weise auf die Bedingungen in seiner Schule reagiert. Wie Familie Klinge.

Hier ist Dejans Einwand missverständlich. Es kann nicht gemeint sein, dass eine Schülerin dafür verantwortlich sein soll, dass ihr Unterricht in den R-Bereich des SAMR-Modells vorstößt und dass er den 4k entspricht. Dafür ist der Lehrer zuständig. Und die Schulleitung. Und der Schulträger. Aber nicht die Schülerin.

Ich finde, dass es eine gute Idee ist, ein solches Experiment zu wagen…

Man lernt durch die oben beschriebene Substitution einige grundlegende Dinge. Die sind dermaßen grundlegend, dass sie vielen, die täglich mit digitalen Geräten arbeiten vielleicht gar nicht mehr lernenswert erscheinen. Sind sie aber. Als Lehrer, der seit Jahren auch ITG-Kurse in der 5. Klasse gibt, stelle ich fest, dass viele Schüler sich mit den Grundlagen schwertun. Sie können sich keine Passwörter merken, können nicht speichern, können Gespeichertes nicht wiederfinden und stoßen bei Internet-Suchen sehr schnell an ihre Grenzen. Sie geben eine URL in die Google-Suchmaske ein und sie tun sich schwer mit Kommunikationswegen (außer WhatsApp). Geschweige denn, dass sie ihre digitalen Ergebnisse strukturiert benennen, sortieren, und kategorisieren können, sie verknüpfen, taggen oder digital erweitern oder gar gezielt freigeben oder teilen können. Das können sie auch nicht können. Denn dazu muss man diese grundlegenden Erfahrungen erst einmal machen. Und das ist mit dem individuellen Einsatz des Tablets, wie es in dem Halbtagsblog beschrieben ist, durchaus möglich.

… aber ist so die „Digitalisierung von unten“ möglich?

Die Idee Hoffnung, die in „Digitalisierung von unten“ steckt, zeigt einen charmanten Ansatz, den ich grundsätzlich sehr begrüßenswert finde: Wenn der Unterricht nicht zeitgemäß ausgerichtet ist, können SchülerInnen dies … sagen wir: anregen. Wenn sie „irgendwo“ gelernt hätten wie man z. B. international-kollaborativ Erklärvideos erstellt, sie interaktiviert und in einem internen Forum gegenseitig würdigt, kritisiert und bewertet, könnten Sie das auch jedem vorwiegend analog arbeitenden Lehrer als Alternative vorschlagen, wenn dieser das nächste Mal die Erstellung eines analogen Lernplakats ansetzt.
Das ist der Grund, warum ich die vielen „bisher“, bezogen auf die (bisherige) Tabletnutzung, in den Text eingefügt habe. Eine Schülerin, die zunächst lediglich das Analoge durch das Digitale ersetzt, muss ja nicht auf dieser Ebene stehen bleiben. Aber auch hier gilt: Das geschieht nicht von heute auf morgen. Dazu muss man zum einen die grundlegenden Erfahrungen machen. Zum anderen muss man sich tatsächlich auch in den kreativ-produktiven und transformativen Bereich wagen. Wenn diese Arbeitsweise nicht in der Schule im Unterricht eines Lehrers oder in einer Art „Medienunterricht“ oder entsprechenden Arbeitsgemeinschaften erprobt werden, bleibt nur noch die Möglichkeit, diese Dinge im familiären Umfeld auszuprobieren. Ansonsten ist eine „Digitalisierung von unten“ nicht zu erwarten, da tatsächlich nur „ersetzt“ wird und wenig Anreiz besteht, Bewährtes zu hinterfragen. (Damit wären wir an einem Punkt, der im Blogbeitrag noch wünschenswert gewesen wäre. Wie sieht das familiäre „Begleitprogramm“ aus?)

Ich denke, das auf diesen Punkt die Kritik von Dejan abzielt. Die Hoffnung, dass die Digitalisierung durch eine Graswurzelbewegung in den Unterricht Einzug erhält, wird für Carolina und ihre Schule vermutlich enttäuscht, wenn nicht andere, wirkungsvollere Bedingungen erfüllt sind. Das betrifft vor allem die Art und Weise, wie wir Unterricht sehen und wie wir ihn gestalten. Aber auch die Ausstattung der Schule, die Fortbildung und Begeisterung der Lehrkräfte, die finanzielle Unterstützung, die Administration und Wartung der Technik, die Implementierung innerhalb und außerhalb des Fachunterrichts und die Erarbeitung eines starken aber flexiblen Konzepts für die Planung, Umsetzung und Evaluation des Lernens und Lehrens im digitalen Zeitalter an der Schule. Aber sollten Klinges auf diese Dinge warten? Ich denke nicht. Sie sollten anfangen. So, wie sie es getan haben.

Alternative?

Und wäre nicht eine Alternative gewesen, den Unterricht zeitgemäßer zu gestalten und die Schule in der oben beschriebenen Weise weiterzuentwickeln. Ist das realistisch? Hat man als Elternteil so viel Einfluss? Andreas Schleicher hat mal das Bildungssystem mit einem Tanker verglichen (S. 15) und damit recht treffend, wie ich finde, die Schwerfälligkeit des Systems Schule beschrieben. Wer in einer Schule die Richtung ändern will, braucht einen langen Atem. Die Frage ist also nicht, soll ich als Elternteil zusammen mit meinem Kind ein Tablet-Experiment wagen oder soll ich langfristig schulpolitisch über Gremienarbeit auf eine zeitgemäße Bildung in der Schule drängen. Beides ist sinnvoll.

Und während ich hier meine Gedanken externalisiere, formt sich für mich eine Handlungsoption für die eigene und die Zukunft meiner Kinder. Danke Jan-Martin Klinge und danke Dejan Mihajlović.

PS: Habt euch lieb!

Schubidu

– Zitat nach Tobias Raue –

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk von André Hermes ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Medienberater an die Schulen!

13. Oktober 2017 um 12:39

UPDATE: Am 10. August 2018 erschien die Ausgabe 111 der Fachzeitschrift Computer + Unterricht zum Thema Storytelling. Darin war auch ein Artikel von mir. Hier wird nun der Artikel in einer früheren und längeren Form veröffentlicht.

 


tldr: Jede Schule sollte ihren eigenen Medienberater haben! Er würde die Medienbildung aller Beteiligten fördern, bei der Schulentwicklung helfen und er sollte bezahlt werden.


In einem Bericht der Kieler Zeitung, in dem einige der Schwierigkeiten dargestellt werden, mit denen Schulen zu kämpfen haben, die versuchen, der Digitalisierung gerecht zu werden, heißt es bedauernd im Schlusssatz: „Nicht jede Schule hat einen Herrn Klein“. Damit ist Malte Klein gemeint, der Lehrer, Medienberater am Institut für Qualitätsentwicklung (IQSH) und zudem Lehrbeauftragter an der Uni Kiel ist.

Ich behaupte, dass genau hier eines der größten Probleme liegt. Meines Erachtens ist es eine erhebliche Fehlentwicklung, dass nicht jede Schule einen eigenen Medienberater hat.

Medienberater?
Da der Begriff Medienberater im deutschsprachigen Raum nicht einheitlich genutzt wird, sollte ich zunächst einmal klären, was ich mir darunter vorstelle. Ich versuche mich einmal an einer Art Stellenbeschreibung:

Medienberater könnten…

  • die Schulleitung in Fragen der (digitalen) Schulentwicklung beraten
  • am Medienkonzept maßgeblich mitarbeiten, es evaluieren und Anpassungen vorschlagen,
  • vielfältige Fortbildungen für Lehrende zu digitalen Themen anbieten: Vom Peer-to-peer-Training bis zur
  • Organisation einer jährlichen SchiLf,
  • mit dem Kollegium kommunizieren – auch das gehört zur Beratung – sowohl bei Flurgesprächen als auch
  • über etablierte digitale Kanäle. Hier kann auf Fragen eingegangen werden und Vorschläge können gemacht werden.

Gerade der letzte Punkt ist meiner Erfahrung nach entscheidend. Die kurzen Wege zum persönlichen Gespräch, in dem Hindernisse aus dem Weg geräumt werden können, helfen dem Kollegium mehr, als jede einmalige Fortbildung, bei der man am nächsten Schultag doch wieder mit seinen (technischen) Problemen alleine da steht. Das kann kein Landes-Medienberater leisten, der für 100 Schulen zuständig ist.

Darüber hinaus wären noch weitere Einsatzgebiete denkbar, je nach Qualifikation des Beraters und nach Bedarf an der Schule:

Ausbringung von ITG-Kursen (Informationstechnische Grundbildung) bzw. -workshops sowie von Profilkursen im Wahlpflichtbereich in der Sek I und von Arbeitsgemeinschaften zu Themen wie Coden, Robotik, Mediendesign, Homepagepflege etc.
Außerdem wäre entweder die Mitarbeit bei der Netzwerkadministration oder die Arbeit als Datenschutzbeauftragter denkbar, beides zusammen wäre nicht möglich.
Hierbei sei jedoch darauf hingewiesen, dass die Aufgaben eines Administrators je nach Schulgröße und System einen großen Teil der Arbeitszeit verschlingen könnten.

Wichtig wäre bei dieser Vielfalt an Möglichkeiten, eine vernünftige Auswahl an Aufgaben, so dass für den Berater auch Zeit für seine eigentliche Kernaufgabe bleibt: Für das Beraten.

Nur eine Fiktion?
Es gibt Schulen, da ist ein solcher Berater bereits Realität.
In einem Podcast aus der Reihe Jöran ruft an spricht Jöran Muuß-Merholz mit Sandra Ricker über ihre Arbeit als Educational Technology Coach in Singapur. Hier sind in den Shownotes auch die Stellenausschreibung und vor allem das Anforderungsprofil eines ETC verlinkt. Lesenswert!
An diesem Beispiel wird die sehr unterschiedliche Wertschätzung des Arbeitsbereichs eines Medienberaters deutlich. Während der Educational Technology Coach in Singapur eine volle Stelle hat, bekommt ein Medienkoordinator (so nennt sich der Posten eines Medienberaters in einigen Bundesländern) für seine Arbeit z.T. nicht mal eine Entlastungsstunde.

Wer kann denn sowas?
Bei Diskussionen zu dem Thema kommt immer irgendwann die Frage auf, wo denn die ganzen technisch-didaktisch und juristisch gut ausgebildeten Lehrer herkommen sollten. Dabei muss ein schulischer Medienberater gar nicht unbedingt Lehrer sein. Schließlich gibt es an vielen Schulen auch Schulsozialarbeiter, die keine Lehrer sind. Diese Arbeit könnten auch Medienpädagogen mit Erfahrungen im Bildungssektor oder Diplompädagogen mit digitalem Arbeitsschwerpunkt übernehmen. Und bestimmt habe ich hier noch wichtige Berufsfelder vergessen. Man möge sie bitte über die Kommentarfunktion ins Spiel bringen.
Die Frage wäre für mich nicht, welche Berufsbezeichnung diese Menschen haben, sondern ob sie geeignet sind, eine Schule voran zu bringen.

Bufdi und Schüler ersetzen den Medienberater?
An einigen Schulen wurde ein Konzept erprobt, bei dem Personen aus dem Bundesfreiwilligendienst in Schulen beschäftigt wurden, z.B. hier. An vielen anderen Schulen werden entsprechend ausgebildete Schüler, beispielsweise die Digitalen Helden im Bereich der Medienbildung der Schülerschaft eingesetzt. Hier können erfahrene BFD-Kräfte und Schüler-Coaches viel erreichen.
Aber können diese beiden Gruppen die Aufgaben eines Medienberaters übernehmen? Die Idee: ein technisch versierter Bufdi oder Teilnehmer einer Schüler-Medien-Hilfsgruppe könnte wenig technikerfahrenen Kollegen zur Hand gehen und den Beamer anschließen, den Computer hochfahren, beim Einwählen in das Schulnetz unterstützen und einiges mehr. Auf der einen Seite sehe ich hier für solche Kollegen einen echten Gewinn, da die Forderung nach kurzen Wegen zur technischen Hilfestellung erfüllt ist. Und auch für die Freiwilligen stelle ich mir die Aufgabe durchaus reizvoll und erfahrungsreich vor. Allerdings kann man weder von einer BFD-Kraft noch von einem Schüler erwarten, dass er pädagogisches/didaktisches Vorwissen mitbringt, sich über das übliche Maß mit Urheberrecht auskennt und die Bestimmungen für das Datenschutzrecht in Schulen kennt. Und somit kann von ihm auch nicht erwartet werden, dass er Schulleitung, Mitarbeiter und Kollegium in entsprechenden Bereichen berät und schult. Solche Lösungen können also keinesfalls ein Ersatz für den oben geforderten Medienberater sein, wohl aber eine hervorragende Ergänzung.

Wer soll das bezahlen?
Auf dem Digital Education Day 2016 in Köln lobte Silvia Löhrmann, damals Ministerin für Schule und Weiterbildung in NRW, die Ausweitung der Medienberater-Stellen auf Landesebene. Der Einrichtung eines schulischen Medienberaters erteilte Sie jedoch eine Absage (hier ab Min. 41). Schade. Dabei wären die Länder die richtigen Ansprechpartner. Sie haben die Bildungshoheit und somit auch die Verpflichtung, die Schulentwicklung (auch im Bereich der Digitalisierung) zeitgemäß zu gestalten. Der Bund hat hier hingegen durch das Kooperationsverbot nur eingeschränkte Möglichkeiten. Wobei ich nicht behaupten möchte, mich in den Feinheiten dieser Regelung auszukennen. Als Laie kann ich sicherlich von einer Refinanzierung der schulischen Medienberater-Stellen durch Bundesmittel träumen, deren Ausgestaltung nach den Richtlinien der Länder erfolgt und die auf Grundlage des konkreten Bedarfs an der jeweiligen Schule ausgerichtet werden. Man wird ja noch träumen dürfen. Vielleicht hilft ja der Art. 91b GG weiter.
Schließlich wären natürlich noch die Eltern und die Wirtschaft als Geldgeber möglich. Beides sind nicht wirklich meine Favoriten. Die Elternfinanzierung könnte nur an Schulen mit entsprechend zahlungskräftiger Elternschaft realisiert werden, was unsere soziale Schieflage in der deutschen Bildungslandschaft (hier aktuell am Beispiel Berlin) noch verstärken würde. Und die Wirtschaft, die sich bereits kräftig mit MINT- und sonstigen Initiativen ins Spiel bringt, hat bisher vor allem einen Schwerpunkt an Gymnasien gesetzt. Medienberatung sollte aber dringend an allen Schulen möglich sein.

Fazit:
Jede Schule sollte ihren eigenen Medienberater haben! Ohne diesen Posten bleiben Forderungen und Versprechen über Milliardenbeträge für technische Ausstattung an Schulen wirkungslos, da die Technik nicht (adäquat) genutzt wird. Ich fordere Bund und Länder auf, sich dieses Themas anzunehmen und die bisherigen Beratungsstrukturen entsprechend zu ergänzen.
Und nur so am Rande: Um ein funktionierendes Konzept zu haben, müssen darüber hinaus noch weitere Bedingungen erfüllt sein. Vor allem die Wartung und Administration der Geräte muss in professionelle Hände gelegt werden. Hierfür wird eine langfristige Finanzierung benötigt, keine einmaligen Milliardenaufwendungen. Aber das gehört in einen anderen Blogbeitrag…

Creative Commons Lizenzvertrag
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BYOD, Bildung und Bilanzen: über Studien, Erfahrungen und Meinungen zu Technik im Unterricht

30. Januar 2017 um 00:15

Ende Januar erschien ein Artikel von Oliver Hollenstein in DIE ZEIT, in dem er auf Grundlage der, seiner Einschätzung nach, ernüchternden Ergebnisse eines Hamburger Pilotprojekts zu der Erkenntnis kommt, dass die Freischaltung des schulischen WLAN für Schüler den Unterricht kaum verändere.

 

Die Form ist entscheidend

Schaut man sich den Abschlussbericht der wissenschaftlichen Evaluation der Universität Hamburg direkt an, kann geschlussfolgert werden, dass dies an der spezifischen Nutzung der Geräte lag. Die Schülerbefragungen kamen zu folgendem Ergebnis:

„Komplexere und produktive Formen der Medienarbeit (z.B. Bild-, Ton- und Videobearbeitung) werden weniger genutzt. Dies bestätigt sich nicht nur in Bezug auf die Nutzungszwecke des Hauptgeräts, sondern auf den Einsatz von Medien im Unterricht insgesamt. Nur 5,7% der Schülerinnen und Schüler der Projektgruppe gaben an, dass sie im Unterricht oft Medien wie z.B. einen Film, ein Wiki oder eine App selbst erstellen, 21,6% tun dies zumindest gelegentlich.“ (S. 30)

Das bedeutet also, dass die Geräte meist lediglich zur Recherche oder zum Materialaustausch genutzt wurden. Das Potenzial des Digitalen wurde somit recht selten ausgenutzt. Das Unterrichtssetting blieb offenbar weitgehend unverändert, im Vergleich zum analog geprägten vormaligen Aufbau. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass die Einschätzung der Schülerinnen und Schüler bezüglich der Veränderung von Unterricht kaum Unterschiede zwischen Projekt- und Kontrollgruppe zeigten (S. 34).

Schaut man jedoch die Ergebnisse der Unterrichtsbeobachtungen durch im Vorfeld entsprechend geschulte Lehramtsstudierende an (S. 15-18), liest man von eigenverantwortlichem Handeln motivierter Schülerinnen und Schüler, von kollaborativen Unterrichtsformen, von Interaktivität und von einer veränderten, stärker beratenden Rolle der Lehrenden. Aspekte, die ich bei einem gut geplanten und durchgeführten Projekt dieser Art auch erwartet habe.

Offensichtlich gehen die Meinungen von Beobachtern und Schülern hier weit auseinander, was deutlich macht, wie diffizil Medienwirkungsforschung ist.

Aus beiden Einschätzungen lässt sich jedoch eines ableiten: selbstgesteuerter, handlungsorientierter, projektartig ablaufender Unterricht mit digitalen Endgeräten ist bzw. wäre vorteilhaft gewesen.
Hier ist möglicherweise eine Erklärung für eine weitere unterschiedliche Einschätzung zu finden, die geäußert wird:

 

Technikmuffel oder Profis?

„Nur wenige Lehrer begeistern sich für Technik, viele wissen sie nicht sinnvoll einzusetzen.“

So ist es im Artikel des Bildungsredakteurs der ZEIT zu lesen. Hans-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes (DPhV) äußert sich in einem aktuellen Interview mit dem ZDF (als Antwort auf die Ergebnisse dieser Studie) anders. Er bescheinigt den Lehrenden, dass sie

„den didaktischen Mehrwert der digitalen Medien erkennen und umsetzen können.“

Im Hinblick auf die oben beschriebene unterschiedliche Wahrnehmung der Medienwirkung sind diese gegensätzlichen Einschätzungen erklärbar. Was wird als sinnvoller Einsatz angesehen? Was als Mehrwert? Werden diese grundlegenden Aspekte unterschiedlich gesehen, kann auch die Bewertung nicht einheitlich sein.

 

Schlussfolgerungen?

Das in Hamburg erprobte BYOD-Modell wird nun in Frage gestellt, im ZEIT-Artikel gar als Billiglösung bezeichnet. Ich bitte eindringlich darum, dies nicht zu tun, sondern – im Gegenteil – am Ball zu bleiben, das engagierte Projekt weiterzuführen und an den richtigen Stellen nachzubessern:

  • Schaffen Sie bitte weiterhin Technik bzw. entsprechende Infrastruktur für Schulen an.
  • Sorgen Sie weiterhin dafür, dass die Technik läuft, administriert und gewartet wird

Hollstein kommt gleich zu Beginn seines ZEIT-Artikels zu dem Schluss, dass

„die Technik noch das kleinste und womöglich am einfachsten zu lösende Problem bei der Digitalisierung der Schulen [ist]“.

Ich kann ihm da zwar nicht uneingeschränkt zustimmen – die Administration und Wartung der Geräte in Schulen ist vielfach ein massives Problem (DPhV-Vorsitzender Meidinger spricht von etwa einem Drittel nicht nutzbarer Computer in deutschen Schulen) – ich bin aber ebenfalls der Meinung, dass andere Probleme ebenfalls angegangen werden müssen. Über die technischen Aspekte hinaus sollte den didaktischen Einsatzmöglichkeiten ein größerer Raum eingeräumt werden. Verführen Sie die Lehrenden zu digital geprägtem Unterricht, der nicht eine bloße 1:1-Kopie des bisherigen Unterrichts ist:

  • Schicken sie das ganze Kollegium zu guten Fortbildungsveranstaltungen wie #ded16, #molol17, #ecbw17, #LdZ17 und den #OERcamps17. Das Angebot und die Größe solcher Events haben sich in den letzten Jahren deutlich erhöht und vielfach sind es besonders geeignete, offene Fortbildungsformate, die die Erfahrungen Lehrender direkt einbeziehen, wie der Freiburger Lehrer Dejan Mihajlovic in einem Blogbeitrag erläutert. Das vielfältige Potenzial des Digitalen, das bei diesen Veranstaltungen aufgezeigt wird, geht weit über die bloße Übertragung herkömmlicher Unterrichtsmuster auf einfache digitale Medien (z.B. pdf statt Schulbuch) hinaus.
  • Richten Sie eine (bezahlte) Position eines Medienberaters an jeder Schule ein. Dieser spezialisierte Kollege, Medienpädagoge o.Ä. ist aufgrund seiner Nähe zum Kollegium jederzeit und direkt ansprechbar. Externe Berater können dies nicht leisten. Kleinere Fortbildungen können kurzfristig, zielgruppenspezifisch und „peer to peer“ angeboten werden. Ferner kann dieser Berater auf die vielfältigen, im Netz verfügbaren Schulungs- und Beratungsangebote zugreifen und verweisen (z. B. Webinare, OER, E-Learning-Angebote, Moocs) oder sie sogar begleiten (Artikel über Nüsschen).
  • Etablieren Sie auch schulintern Austauschmöglichkeiten. Die Erfahrungen mit digital unterstützten Unterrichtsszenarien, die die Lehrenden machen können, sollten angesprochen und ausgetauscht werden können. Hierfür gibt es verschiedene Modelle. Z.B. könnte jedem Kollegen pauschal ein kleiner Teil seines Stundendeputats für eine regelmäßig stattfindende Besprechung in einer Kleingruppe reserviert werden. Bei nachlassendem Gesprächsbedarf oder ungelösten Problemen, könnte auch der oben genannte Medienberater Anregungen und Hilfsangebote in diese Besprechungen einbringen. Auch die Hamburger Wissenschaftler verweisen auf die Notwendigkeit von intensiverem, internen wie externen Austausch, von Meilensteinen und Halbzeittreffen (S. 81). Wichtig ist hierbei tatsächlich, dass ein Ausgleich zu diesen zusätzlichen Aufgaben geboten wird, denn fehlende Zeit wird auch in diesem Projekt von den Lehrenden als ein Haupthinderungsgrund für die „sinnvolle Integration der Geräte in den Unterricht“ angeführt, so Hollenstein.

So ganz nebenbei würde mit diesen Maßnahmen auch einer weiteren Fehlentwicklung entgegengewirkt werden:

 

Verführen statt verpflichten

In meinem Plädoyer für das Fach „Computerkunde“ verwies ich bereits darauf: Das Vorhaben, mit Zwang fachfremde Inhalte in die Lehrpläne einzuplanen und alle Lehrkräfte zu beauftragen, diese zu vermitteln, wie es diverse Medienpässe vorsehen, ist meiner Meinung nach (zumindest als alleiniges Mittel) zu kurz gedacht. Es geht an der Realität vorbei. Die Erfahrung zeigt, dass fachfremde Inhalte, ob sie nun der Medienkunde, der Verkehrserziehung, der gesunden Ernährung oder der Suchtprävention zuzuordnen sind, im Alltagsgeschäft untergehen. Sie werden zunächst nur von einzelnen Verweigerern nicht vermittelt und später, sobald das Thema nicht mehr so stark im Fokus steht, von nahezu allen anderen Kolleginnen und Kollegen verworfen. Als letzter Akt folgt dann die Streichung aus dem Schulkonzept, den Curricula oder sonstigen Dokumenten. Meist ohne viel Aufhebens davon zu machen. Es erinnert sich eh kaum noch jemand daran. Ob bis dahin eine Klasse etwas darüber gelernt hat, hängt davon ab, welche Lehrkräfte dort eingesetzt wurden. Eine Ungleichbehandlung ist vorprogrammiert.

Ähnlich beschreibt es der Bericht der Universität Hamburg. Auf S. 31 heißt es dort über den Hamburger Medienpass:

„Obwohl dieser seit dem Schuljahr 2013/14 verpflichtend in allen 5. bis 8. Jahrgängen der weiterführenden Schulen in Hamburg durchgeführt werden sollte, war er keiner der befragten Klassen (weder in der Projekt- noch in der Testgruppe) bekannt.“

Mit den oben beschriebenen Maßnahmen werden Lehrende weit über den Medienpass hinaus in die Lage versetzt, mit und über digitale Medien zu lehren. Freiwillig und überzeugender, als es Verordnungen und Erlasse allein erreichen könnten.

Ich wünsche den beteiligten Schulen in Hamburg viel Erfolg auf ihrem eingeschlagenen Weg!

 

Quellen:

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