Das deutsche Bildungsbürgertum und seine konservativen Eliten - ein Großteil von ihnen begrüßte Hitlers Machtübernahme als Absage an die ungeliebte Weimarer Republik. Die Weimarer Intellektuellen, die für das Kulturhoch der wilden 20er Jahre gesorgt hatten, standen auf verlorenem Posten. Ein Podcast von Renate Eichmeier (BR 2023)
Credits
Autorin dieser Folge: Renate Eichmeier Gesprochen haben Hemma Michel und Christian Baumann In der Technik war Roland Böhm Regie: Sabine Kienhöfer Redaktion: Thomas Morawetz
Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2026
Im Gespräch war Dr. em. Tillman Allert (Soziologe und Autor)
GPS, Drohnen, KI im Stall – Landwirtschaft ist heute oft hoch automatisiert. Aber wie hat es sich dahin entwickelt und wie sah die Landwirtschaft früher aus? Die 96-jährige Ika erzählt von den Veränderungen – und warum sie auch heute gerne noch mit anpackt. ZUM PODCAST: https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:1253b98a757fc35a/
Linktipps:
ARD: Babylon Berlin – Die finale fünfte Staffel
Babylon Berlin entführt dich ins wilde Berlin zur Zeit der späten 1920er-Jahre – mitten in die bröckelnde Weimarer Republik: glamouröse Clubs, waghalsige Künstlerexistenzen, Straßenschlachten, Armut und Rausch. Im Zentrum stehen Kommissar Gereon Rath und Charlotte Ritter, die sich aus ärmsten Verhältnissen zur Ermittlerin hocharbeitet.
Was als Polizeiarbeit beginnt, führt die beiden in ein Geflecht aus Korruption, Unterwelt und radikalisierten politischen Kräften. Und die politische Lage spitzt sich zu: Nationalsozialisten, Kommunisten und konservative Kräfte kämpfen um die Straße und um die Zukunft Deutschlands.
hr (2025): Vertraute Fremde – Exil in Prag 1933-1939
In den Straßen von Prag waren sie überall – deutsche Emigranten, die ab 1933 nach Prag geflohen waren, um hier Schutz vor den Nationalsozialisten zu finden. Bertolt Brecht und Helene Weigel, Gabriele Tergit und noch viele mehr. ZUR FOLGE: https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:9b7ffba861f13022/
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Straßenkämpfe, Notverordnungen, Präsidialkabinette: Ab 1930 höhlte Reichspräsident Hindenburg die Weimarer Demokratie systematisch aus - und bahnte damit den Nationalsozialisten den Weg in die Diktatur. Ein Podcast von Renate Eichmeier (BR 2026)
Credits
Autorin dieser Folge: Renate Eichmeier Gesprochen haben Berenike Beschle und Thomas Birnstiel In der Technik war Viktor Fölsner-Veress Regie: Irene Schuck Redaktion: Thomas Morawetz
Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2026
Im Gespräch war apl. Prof. Dr. Johannes Hürter (Institut für Zeitgeschichte)
Die Sonderstaffel folgt der Spur eines Mannes, der nach den Anschlägen im Zentrum internationaler Ermittlungen steht: der saudische Staatsbürger Omar Al-Bayoumi, ein „normaler“ Student - oder ein Agent, der die späteren Attentäter unterstützte? ZUM PODCAST: https://1.ard.de/alles_geschichte_911
Linktipps:
ARD: Babylon Berlin – Die finale fünfte Staffel
Babylon Berlin entführt dich ins wilde Berlin zur Zeit der späten 1920er-Jahre – mitten in die bröckelnde Weimarer Republik: glamouröse Clubs, waghalsige Künstlerexistenzen, Straßenschlachten, Armut und Rausch. Im Zentrum stehen Kommissar Gereon Rath und Charlotte Ritter, die sich aus ärmsten Verhältnissen zur Ermittlerin hocharbeitet.
Was als Polizeiarbeit beginnt, führt die beiden in ein Geflecht aus Korruption, Unterwelt und radikalisierten politischen Kräften. Und die politische Lage spitzt sich zu: Nationalsozialisten, Kommunisten und konservative Kräfte kämpfen um die Straße und um die Zukunft Deutschlands.
Alle Folgen gibt es ab dem 10. September in der ARD Mediathek. ZUR SERIE:
Hitler wird Reichskanzler, jüdische Geschäfte werden boykottiert, Beamte entlassen und Straßen umbenannt. Victor Klemperer beobachtet: „Der vollkommene Staatsstreich wird vom Volk gar nicht gemerkt.“ Er beginnt Notizen zur „Sprache des 3. Reiches“. ZUR FOLGE: https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:cc73893a96d8aff8/
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Ein Dolchstoß von hinten - Verrat an den kämpfenden Soldaten? Am Ende des Ersten Weltkrieges verschleierte die kaiserliche Militärführung ihr Scheitern. Rechte Verschwörungslegenden machten stattdessen die demokratischen Politiker der Weimarer Republik für die Kriegsniederlage verantwortlich. Und zur Zielscheibe rechter Gewalt. Von Renate Eichmeier (BR 2024)
Credits Autor dieser Folge: Renate Eichmeier Gesprochen haben: Katja Amberger, Christian Baumann In der Technik war: Daniela Röder Regie: Sabine Kienhöfer Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Martina Steber, Professorin für Neueste Geschichte an der Universität Augsburg und Stellvertretende Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin
Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025
Linktipps:
Bayern 2 (2025): Philosophie auf Abwegen - Eine kleine Geschichte der Verschwörung
Fakt oder Verschwörung? Im Zweifel an der Wirklichkeit kann sich das Denken in Verschwörungstheorien verlieren. Doch auch Philosophie zweifelt an der Wirklichkeit. Wo hört Denken auf - wo fängt der Wahn an? Eine Gratwanderung in die Abgründe der Skepsis. ZUM PODCAST
ARTE (2020): _Underscore (1/5) - Die Ästhetik der Verschwörung
Haben erfolgreiche Verschwörungen eine bestimmte Ästhetik? Wie trugen digitale Medien zu ihrer Formung bei? Fragmente zensierter Dokumente, veränderte Screenshots und beschädigte Fotos finden wir dann als typische Zeugnisse vor. Es ist, als ob das Bild selbst in Zeiten von Pixeln und Bites weiterhin als eine Art Wahrheitsreferenz herhalten muss. Dabei wusste Susan Sontag schon vor dem Internet, dass jedes Bild lügt - im Digitalen ganz besonders. ZUR DOKU
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ERZÄHLERIN:
August 1921. Gegen 11 Uhr vormittags. In der Nähe von Bad Griesbach hallen Schüsse durch den Schwarzwald. Sie gelten einem Mann, der mit einem Parteikollegen einen Spaziergang in seiner schwäbischen Heimat macht: Matthias Erzberger, Mitte 40, Gehrock, dunkle Hose, schwarzer Hut, Politiker des katholischen Zentrums, bis vor wenigen Monaten Finanzminister der Weimarer Republik. Matthias Erzberger wird von den Schüssen schwer verletzt, versucht zu fliehen, stürzt an einem Abhang, am Boden liegend treffen ihn weitere Kugeln. Die beiden Attentäter kommen aus rechtsextremen Netzwerken. Vor seiner Ermordung wurde Matthias Erzberger wie andere führende Politiker der Weimarer Republik von rechtsnationalen Kreisen mit Hetzkampagnen gejagt.
ERZÄHLER:
Fort mit Erzberger! Vaterlandsverräter! Novemberverbrecher! Verrat an den kämpfenden Soldaten! Ein Dolchstoß von hinten!
ERZÄHLERIN:
Am Ende des Ersten Weltkrieges hatte die Militärführung des Deutschen Kaiserreiches ihr Scheitern verschleiert und damit den Boden für rechte Verschwörungslegenden bereitet. Diese machten die demokratischen Politiker der Weimarer Republik für die Kriegsniederlage verantwortlich. Und zur Zielscheibe rechter Gewalt.
Prof. Dr. Martina Steber:
In rechten Kreisen, in rechtsextremen Kreisen wird dieser Begriff des Dolchstoßes beständig überall aufgegriffen und wird zu einer Propaganda-Formel, zu einer Hetz-Formel, die Gewalt legitimiert, nämlich 'ne Gewalt, die sich dann in Morden an diesen führenden Vertretern der Novemberrevolution dann auch breit macht.
ERZÄHLER:
So die Historikerin Martina Steber, Professorin für Neueste Geschichte an der Universität Augsburg und Stellvertretende Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin.
Prof. Dr. Martina Steber:
Man kann sagen, dass das die Funktion hat, die historische Realität tatsächlich zu verschleiern.
ERZÄHLERIN:
Die historische Realität? Um sie zu verstehen, muss man zurückgehen zum Beginn des Ersten Weltkrieges.
Nach der Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl 1943 beschlossen der Student Hans Leipelt und seine Freundin Marie-Luise Jahn deren Widerstand gegen die NS-Diktatur fortzusetzen. Sie fanden Unterstützung in einem losen Netzwerk regimekritischer Freundes- und Familienkreise in Leipelts Heimatstadt Hamburg. Nur ein Teil von ihnen überlebte den NS-Terror. Von Renate Eichmeier (BR 2022)
Credits Autorin: Renate Eichmeier Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Johannes Hitzelberger Technik: Susanne Herzig Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Angela Bottin
Linktipps:
BR (2018): Widerstand als Familienerbe
Sie gelten als Ikonen des Widerstands, die Mitglieder der „Weißen Rose“, die gegen das nationalsozialistische Regime kämpften. Am 22. Februar 1943, wurden die Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst zum Tode verurteilt und hingerichtet. Für ihren Mitstreiter Willi Graf prüft das Erzbistum München und Freising derzeit ein Seligsprechungsverfahren. Auch heute ist Widerstand geboten, bei Verletzung der Menschenwürde, menschenverachtender Politik und Ungerechtigkeit. Doch wie ist Widerstand überhaupt möglich? Wann beginnt Widerstand? Und welche Rolle spielt die Religion dabei? JETZT ANSEHEN
Tatort Geschichte (2021): Die letzten Tage der Weißen Rose
Ihren mutigen Widerstand gegen das NS-Terrorregime bezahlten Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst von der Weißen Rose mit dem Leben. Von ihrem Auffliegen bis zur Vollstreckung des Todesurteils vergingen nur vier Tage. Wir zeichnen diese nach und beleuchten die Personen, die an ihrer Verurteilung maßgeblich beteiligt waren. JETZT ANHÖREN
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
SPRECHER: Kommilitoninnen! Kommilitonen!
SPRECHERIN: Nach der verheerenden Niederlage der deutschen Wehrmacht in Stalingrad richtete sich die Widerstandsgruppe Weiße Rose im Februar 1943 mit einem Flugblatt an die Münchner Studentenschaft.
SPRECHER: Erschüttert steht das deutsche Volk vor dem Untergang der Männer in Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer sind sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben geführt worden, ist auf dem Flugblatt zu lesen und: Es gibt jetzt nur eine Parole: Kampf gegen die Partei! Heraus aus den Parteiorganisationen, aus den Hörsälen der SS-Führer und Parteikriecher!
SPRECHERIN: Das sechste Flugblatt war das letzte, das die Mitglieder der Münchner Weißen Rose verbreiteten. Hans und Sophie Scholl wurden bei der Verteilung an der Universität im Februar 1943 festgenommen und einige Tage später hingerichtet. Das Flugblatt war in die Hände von Hans Leipelt gelangt, der in München Chemie studierte. In den Osterferien fuhr er in seine Heimatstadt Hamburg, wo seine Familie und Freunde bei der Weiterverbreitung des Flugblattes halfen. Diese waren Teil eines losen Netzwerkes regimekritischer Menschen, das bereits seit 1942 Kontakte zur Weißen Rose nach München hatte.
MUSIK
Viele bezahlten einen hohen Preis für ihre oppositionelle Haltung: Inhaftierungen, Misshandlungen, Todesurteile. Hans Leipelt wurde Ende Januar 1945 hingerichtet. Wer waren die Menschen der Hamburger Weißen Rose?
O1 BOTTIN 25'' Hans Leipelt ist ja 1921 in Wien geboren, und seine Mutter war promovierte Chemikerin, die 1918 vom jüdischen zum evangelischen Glauben konvertiert war, aber in einem ganzen Verbund von Menschen und Freunden lebte, wo sich eigentlich alles zusammen fand in – ja, toleranter Weltoffenheit.
SPRECHERIN: Die Juristin Angela Bottin hat sich intensiv mit der Familiengeschichte von Hans Leipelt und anderer NS-Verfolgter in Hamburg beschäftigt.
O2 BOTTIN 10'' Katharina Baron, wie Sie ursprünglich hieß, traf als berufstätige Frau in Wien den Katholischen Diplom-Ingenieur Conrad Leipelt.
MUSIK
SPRECHERIN: Die beiden heirateten, zogen nach der Geburt von Hans nach Hamburg, wo Conrad Leipelt zum Direktor der Zinnwerke Wilhelmsburg aufstieg. Dort kam 1925 Maria zur Welt, die Schwester von Hans. Die Leipelts führten einen großbürgerlichen Lebensstil mit offenem Haus und großem Bekanntenkreis, pflegten enge Kontakte zur jüdischen Verwandtschaft in Österreich und förderten ihre Kinder, die beide sehr begabt waren. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nahm der antisemitische Druck auf die Familie zu. Obwohl die Mutter zum Protestantismus konvertiert war, galt sie in der rassistischen Weltsicht der Nationalsozialisten als Jüdin. Da der Vater keinen jüdischen Hintergrund hatte, verlief das Leben von Hans und seiner Schwester vorerst ohne Einschränkungen.
O3 BOTTIN 41'' Hans Leipelt hat mit 16 Jahren Abitur gemacht in Hamburg. Und Reichsarbeitsdienst und Wehrdienst war natürlich für ihn wie für alle verpflichtend, wenn er studieren wollte – und das wollte er natürlich. Und er hat sich dann, um nicht zwei Jahre warten zu müssen, freiwillig in Anführungszeichen gemeldet. Zuerst zum Reichsarbeitsdienst und dann zur militärischen Ausbildung, damit er keine Zeit verlor. Sein Einsatz im Reichsarbeitsdienst beim sogenannten Bau des Westwalles, der für Nazi-Deutschland ja ausgesprochen wichtig war, war eine überaus strapaziöse und im Grunde entsetzliche Zeit.
MUSIK
SPRECHERIN: Kurz bevor Hans Leipelt seinen Arbeitsdienst an der Westgrenze begann, marschierten die deutschen Truppen in Österreich ein. Mit katastrophalen Folgen für seine jüdische Verwandtschaft in Wien. Sein Onkel, der Bruder seiner Mutter Katharina, beging Selbstmord. Seine Großeltern flüchteten in die Tschechoslowakei, wo sein Großvater starb. Daraufhin kam seine Oma Hermine nach Hamburg. Im November 1938 begann Hans seine Ausbildung bei der Wehrmacht, war ab Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 zuerst in Polen, dann in Frankreich im Einsatz. Trotz Auszeichnungen wie dem Eiserne Kreuz II. Klasse wurde er im August 1940 als sogenannter "jüdischer Mischling" aus der Wehrmacht entlassen und begann in Hamburg mit dem Chemie-Studium. In Frankreich hatte er Karl Ludwig Schneider kennengelernt, ebenfalls Hamburger, ebenfalls anti-nazistisch eingestellt. Zwischen den beiden entwickelte sich eine enge Freundschaft. Schneider war als Schüler auf der reformpädagogischen Lichtwark-Schule gewesen. Aus privaten Lese- und Diskussionszirkeln der Lehrerin Erna Stahl entwickelte sich der Kern des regimekritischen Netzwerkes, das von der Forschung später als Weiße Rose Hamburg bezeichnet wurde. Neben Karl Ludwig Schneider spielten Traute Lafrenz, Heinz Kucharski und Margaretha Rothe eine wichtige Rolle. Sukzessive wuchs das Netzwerk, kamen gleichgesinnte Männer und Frauen hinzu und mit ihnen ihre Freunde und Angehörigen: Etwa der Medizinstudent Albert Suhr mit befreundeten Ärzten und Ärztinnen aus dem Universitäts-Krankenhaus Eppendorf, der Buchhändler und Philosophiestudent Reinhold Meyer - und eben auch Hans Leipelt und seine Familie. Hans Leipelt und die Medizinstudentin Traute Lafrenz fungierten später als Verbindungsglieder zwischen dem Münchner und dem Hamburger Widerstands-Netzwerk. Vorerst aber traf man sich zu Diskussionsrunden, feierte bei verbotener Jazzmusik, hörte gemeinsam ausländische Sender, las regimekritische Literatur – und amüsierte sich mit eigenen satirischen Texten gegen die NS Machthaber.
MUSIK
SPRECHER: Hans Leipelt habe, so der Oberreichsanwalt in seiner Anklageschrift vom Juli 1944, mit seiner Schwester Maria und Karl Ludwig Schneider Texte verfasst und bei privaten Zusammenkünften aufgeführt, die eine ausgesprochen staatsfeindliche Tendenz hatten. Außerdem habe Leipelt in Gesprächen immer die Ansicht vertreten, dass Deutschland den Krieg begonnen habe und deshalb die zerstörten Städte in der Sowjetunion wiederaufbauen müsse. Hans Leipelt habe ausländische Hetznachrichten gehört und darauf vertraut, dass die Feindmächte die Verhältnisse in Deutschland in seinem Sinne ändern. Außerdem sei er mit seinen Freunden darin übereingekommen, dass sie dabei mithelfen müssten, den Nationalsozialismus zu vernichten.
SPRECHERIN: Die Anklageschrift von 1944 ist eines der wenigen Dokumente, die Aufschluss über die Aktivitäten von Hans Leipelt und seinem Freundeskreis geben. Zu den Ermittlungen gegen andere Mitglieder der Weißen Rose in Hamburg ist wenig überliefert – so Angela Bottin:
O4 BOTTIN 16'' Es gibt kaum Verfolgungs-Dokumente, also Vernehmungsprotokolle und Unterlagen aus dieser Zeit. Wir wissen, dass in Hamburg die Gestapo vor dem Einmarsch der Briten im Mai 1945 systematisch vieles noch vernichtet hat.
SPRECHERIN: Selbstauskünfte oder eigene Schriften gibt es nur von einigen des Hamburger Netzwerkes – etwa von Leipelts engem Freund Karl Ludwig Schneider oder auch von dem Buchhändler Reinhold Meyer. Von Hans Leipelt selbst ist kaum etwas greifbar. Er war nicht nur als regimekritischer Student in den Fokus der Nationalsozialisten geraten. Wegen der jüdischen Wurzeln seiner Mutter wurde seine Familie genauso brutal verfolgt wie alle anderen jüdischen Familien.
O5 BOTTIN 17'' Alles, was diese Familie besaß in ihrem Haus wurde – ja, vom Staat übernommen, verwertet, versteigert, öffentlich versteigert und wie bei allen anderen, wurden persönliche Dokumente vernichtet. Und das ist das große Problem auf den Spuren von Hans Leipelt.
MUSIK
SPRECHER: Ein neues Gesicht im Chemischen Labor habe sie im Winter 1941 neugierig gemacht, schrieb Marie-Luise Jahn später über ihre Studienzeit in München. Es war Hans Leipelt, der sie faszinierte mit seiner Art über Bücher zu sprechen – über Bücher, die seit 1933 verboten waren.
SPRECHERIN: Zwischen den beiden entwickelte sich eine Liebesgeschichte.
SPRECHER: Gemeinsame Spaziergänge im Englischen Garten folgten, so die Erzählung von Marie-Luise Jahn, zahlreiche Umzüge, weil sie gegen das Verbot von sogenannten "Herrenbesuchen" abends verstießen, gemeinsames Hören von verbotener Jazzmusik, laut aus dem Koffergrammophon auf dem Fensterbrett …
SPRECHERIN: Nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht hatte Hans Leipelt zum Wintersemester 1940/41 zunächst in Hamburg mit dem Chemiestudium angefangen – unter schwierigen Bedingungen, so Angela Bottin.
O6 BOTTIN 36'' Man muss vielleicht noch ergänzen zum Verständnis, dass Hans Leipelt nicht einfach mit seinem Studium beginnen konnte. Er brauchte eine – wie alle Mischlinge ersten Grades – eine Ausnahme-Genehmigung durch das Reichs-Erziehungsministerium. Das war ein erniedrigender Prozess, dem er sich unterwerfen musste, und er erlebte dann in Hamburg kurze Zeit später doch sehr viel antisemitische diskriminierende Ereignisse. Und das war der Grund, warum er den Studienort wechselte, obwohl das bedeutete, weit weg von der sehr bedrohten Familie zu sein.
SPRECHERIN: So war Hans Leipelt nach München gekommen. Am chemischen Institut an der Münchner Universität herrschte eine offene Atmosphäre. Professor Heinrich Wieland hatte 1927 den Nobelpreis bekommen, nutzte seine Prominenz und akzeptierte auch sogenannte "nichtarische" Studenten und Studentinnen. Auch Marie-Luise Jahn studierte in München. Die Juristin Angela Bottin:
O7 BOTTIN 36'' Sie hat dann in dem Staatslaboratorium, dem chemischen Institut unter der Leitung von Professor Heinrich Wieland, erst mal näher kennengelernt, dass es Menschen gab, die besonderen Schutz brauchten, eben die dort von Heinrich Wieland nicht ausgeschlossenen, sogenannten Mischlinge ersten Grades. Marie-Luise Jahn kam aus einer anderen Welt. Sie war Tochter einer Gutsbesitzerfamilie in Ostpreußen, hatte Privatunterricht gehabt, war sehr behütet, hatte dann in Berlin Abitur gemacht und war dann nach München gekommen und hatte begonnen, Chemie zu studieren.
SPRECHER: Das Vordiplom im Sommer 1942 sei nicht gut ausgefallen, schrieb Marie-Luise Jahn in ihren Erinnerungen, da sie sich lieber mit Hans getroffen hat, anstatt zu lernen. Die beiden haben ihre Freundschaft ganz offen gezeigt, sind Arm in Arm durchs Chemische Labor gelaufen. Ein regimetreuer Kommilitone habe sie beim NS Studentenführer denunziert. Allerdings sei außer einer Standpauke nichts weiter passiert – was, wie sie später erfuhr, damit zu tun hatte, dass Professor Wieland zu ihren Gunsten eingegriffen hatte.
MUSIK
SPRECHERIN: Den Sommer 1942 verbrachte Marie-Luise Jahn zuhause bei ihrer Familie in Ostpreußen – und Hans Leipelt bei seiner Familie in Hamburg. Die Situation hatte sich dramatisch verschlechtert. Maria, die Schwester von Hans, musste wegen ihres jüdischen Hintergrundes das Gymnasium verlassen. Die Großmutter wurde ins KZ Theresienstadt deportiert. Und im September 1942 starb der Vater überraschend. Für die Mutter fiel damit der Schutz weg, den sie durch ihren nicht-jüdischen Mann hatte. Hans kümmerte sich um die Beerdigung seines Vaters.
O8 BOTTIN 25'' Das bedeutete aber, dass er sehr, sehr viel mehr Zeit in Hamburg verbracht hat als als Student in München. Und dadurch ist es auch Marie Luise gar nicht sozusagen präsent gewesen, was alles auch in Hamburg passierte.
SPRECHERIN: Neben Hans Leipelt pendelte ein weiteres Mitglied des Hamburger Netzwerkes zwischen München und Hamburg: Traute Lafrenz, ehemalige Schülerin der Lichtwark-Schule, befreundet mit Heinz Kucharski und Margaretha Rothe, studierte mittlerweile in München Medizin. Sie war eng mit Hans Scholl befreundet, mit dem sie kurzzeitig auch liiert war, und kannte auch andere Mitglieder des Münchner Widerstandsnetzwerkes, Sophie Scholl, Professor Kurt Huber und Alexander Schmorrell, den sie bereits drei Jahre vorher während ihres Reichsarbeitsdienstes in Ostpommern kennengelernt hatte. Unter dem Eindruck der brutalen Kriegsverbrechen im Osten hatten die Münchner im Sommer vier Flugblätter verfasst und verbreitet. Sie nannten sich Weiße Rose und riefen zum Widerstand gegen das NS Regime auf. Als Traute Lafrenz im November 1942 auf Heimatbesuch nach Hamburg kam, brachte sie eines dieser Flugblätter mit und gab es ihrem alten Freundeskreis. Heinz Kucharski, Margaretha Rothe, Reinhold Meyer, Albert Suhr hatten das Flugblatt in Händen, diskutierten und verteilten es. Ob auch Hans Leipelt das Flugblatt kannte, lässt sich nicht nachweisen, ist aber wegen seiner engen Beziehungen ins Hamburger Netzwerk anzunehmen. In den Erinnerungen von Marie-Luise Jahn findet sich nichts darüber. Dazu Angela Bottin.
O9 BOTTIN 45'' Sie hat als einzige eigentlich – Hans Leipelt konnte es nach seiner Ermordung ja natürlich nicht mehr: sie hat, sagen wir mal, eine Wir-Geschichte, Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn, ab Mitte der 1980er Jahre entwickelt. Je mehr man über die komplexen Zusammenhänge, die es tatsächlich gegeben hat, herausfindet – dann erkennt man das diese Wir-Geschichte eben doch vieles außer Acht lässt, was zur Wirkungsgeschichte und zum Leben und Sterben von Hans Leipelt im Besonderen und der weiteren, mit ihm verbündeten aktiven Menschen in München und Hamburg tatsächlich geschah.
MUSIK
SPRECHERIN: Über Flugblätter zum Widerstand aufzurufen war lebensgefährlich. Alle zusätzlichen Mitwissenden erhöhten das Risiko, entdeckt zu werden. Ihren Erinnerungen zufolge wurde Marie-Luise Jahn erst ab 1943 von Hans Leipelt in seine Oppositionsaktivitäten eingebunden. Hans Leipelt, der zwischen Hamburg und München pendelte, war laut Marie-Luise Jahn am 13. Januar 1943 in München, als es im Kongresssaal des Deutschen Museums zu spontanen Studentenprotesten kam. Gauleiter Paul Giesler hatte in seiner Rede im Rahmen der 470 Jahrfeier der Münchner Universität beleidigende Äußerungen über studierende Frauen gemacht. Unter Protest verließen viele der Anwesenden, darunter viele Soldaten in Uniform, den Saal und lieferten sich Handgreiflichkeiten mit den Ordnungskräften.
SPRECHER: Das sei ein Hoffnungsschimmer gewesen, dass endlich etwas passieren würde – so Marie-Luise Jahn in ihren Erinnerungen. Hans sei bei der Veranstaltung gewesen und habe ihr freudestrahlend von dem Protest der Studenten gegen die unverschämte Rede des Gauleiters erzählt. Sie dachten, so Marie-Luise Jahn, dass ein Aufstand der Studenten folgen würde.
SPRECHERIN: Aber nichts dergleichen geschah. Auch nicht als Ende Januar 1943 die Schlacht um Stalingrad mit einer verheerenden Niederlage der deutschen Wehrmacht endete und das sechste Flugblatt der Weißen Rose in München zum Widerstand gegen die NS-Diktatur aufrief. Den Text hatte größtenteils Professor Huber verfasst. Die meisten der Flugblätter wurden per Post verschickt. Als Hans und Sophie Scholl den Rest an der Münchner Universität verteilten, wurden sie verhaftet.
SPRECHER: Eines Morgens sei Hans Leipelt mit dem Flugblatt in der Hand zu ihrem Laborplatz im Chemischen Institut gekommen, schrieb Marie-Luise Jahn in ihren Erinnerungen. Gemeinsam haben sie es gelesen und waren beeindruckt, dass jemand gewagt hatte, das zu schreiben. Sie waren der gleichen Meinung, hätten aber nie gewagt, das offen zu sagen, geschweige denn zu schreiben. Hier hatte jemand den Mut, sich öffentlich gegen das Unrechts- und Willkürregime der Nationalsozialisten aufzulehnen.
MUSIK
Hinter vorgehaltener Hand, so Marie Luise Jahn machten Gerüchte über Verhaftungen im Chemischen Institut die Runde.
SPRECHERIN: Am 22. Februar 1943 wurden Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst in München hingerichtet.
SPRECHER: Ihre Hoffnungen hätten ein jähes Ende gefunden, so Marie Luise Jahn über die verzweifelte Stimmung, in der sie und Hans Leipelt waren. Sie hatten das Flugblatt, aber die es geschrieben hatten, waren von den Nazis dafür hingerichtet worden. Wer sollte nun den Menschen die Augen öffnen? Wer die Wahrheit über das verbrecherische Regime sagen? Und ihnen beiden war klar, dass sie weitermachen müssten. Sie tippten das Flugblatt mit vielen Durchschlägen ab. Um die Verbundenheit mit den Ermordeten zu zeigen, wählten sie als Überschrift: "… und ihr Geist lebt trotzdem weiter."
SPRECHERIN: Das sechste Flugblatt und weitere regimekritische Schriften im Gepäck fuhr Marie-Luise Jahn in den Osterferien mit Hans Leipelt nach Hamburg, lernte dort seine Mutter, seine Schwester Maria und auch seine Freunde Karl Heinz Schneider und Heinz Kucharski kennen, bevor sie zu ihrer Familie nach Ostpreußen weiterreiste. Leipelts Hamburger Freundeskreis sorgte für eine Vervielfältigung und Weiterverbreitung des Münchner Flugblattes.
SPRECHER: Nach den Osterferien, so Marie-Luise Jahn, sei sie mit dem beklemmenden Gefühl nach München zurückgefahren, ihr bisher behütetes Leben verloren zu haben.
MUSIK
SPRECHERIN: Die Situation für die antinazistischen Netzwerke in München und Hamburg verschärfte sich. Bereits im März 1943 war Traute Lafrenz im Rahmen der Ermittlungen gegen die Weiße Rose in München verhaftet worden. Im Juli wurden Alexander Schmorell und Professor Kurt Huber hingerichtet. Um die mittellose Familie des letzteren zu unterstützen, beteiligten sich Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn an Geldsammlungen, wurden schließlich denunziert und im Oktober 1943 verhaftet – und mit ihnen sieben weitere Personen aus ihrem Münchner Freundeskreis, die meisten davon Studierende am Chemischen Institut. Auch in Hamburg folgte Verhaftung auf Verhaftung: Albert Suhr, Maria Leipelt, die Schwester von Hans, Heinz Kucharski, Margaretha Rothe, Karl Ludwig Schneider, Reinhold Meyer und auch die Mutter von Hans, Katharina Leipelt. Ende 1943 waren die zentralen Akteure des Hamburger Netzwerkes in Haft.
MUSIK
SPRECHER: Er beschuldige Hans Leipelt, so der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof in seiner Anklageschrift: der Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung und Rundfunkverbrechen.
SPRECHERIN: Am 13. Oktober 1944, etwa nach einem Jahr Untersuchungshaft in München-Stadelheim, fand der Prozess gegen Hans Leipelt und seinen Münchner Freundeskreis statt. Wegen der Luftangriffe auf München wurde er nach Donauwörth verlegt.
SPRECHER: Laut Anklageschrift wurde Hans Leipelt vorgeworfen, dass er in Gesprächen staatsfeindliche, zum Teil auch kommunistische Positionen propagiert habe, dass er ausländische Sender gehört und ein Flugblatt der Weißen Rose weiterverbreitet habe, in dem zur Sabotage der Rüstung und zum Sturz der nationalsozialistischen Staatsführung aufgerufen wurde. In Gesprächen habe er die Geschwister Scholl als Märtyrer gefeiert und seine Bewunderung für sie zum Ausdruck gebracht. Außerdem habe er in seinem Hamburger Freundeskreis über die Möglichkeiten von Terror- und Sabotageakten beratschlagt, etwa eines Sprengstoffanschlages auf eine wichtige Eisenbahnbrücke. Und schließlich habe er für die Hinterbliebenen des zum Tode verurteilten Professor Kurt Huber Geld gesammelt und auch selbst gespendet.
MUSIK
SPRECHERIN: Hans Leipelt wurde zum Tode, Marie-Luise Jahn zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 29. Januar 1945 wurde Hans Leipelt in München-Stadelheim hingerichtet. Aus dem Umfeld des Hamburger Netzwerkes kamen acht Menschen ums Leben – darunter Katharina Leipelt, die Mutter von Hans, Margaretha Rothe und Reinhold Meyer. Von Familie Leipelt überlebte als einzige Maria, die Schwester von Hans.
Vor dem Völkermord im Osten begannen die Nationalsozialisten mit der mörderischen Umsetzung ihrer rassistischen Ideologie im Reichsgebiet. Sie töteten Tausende von Kranken und Behinderten im Rahmen der sogenannten Aktion T4. Von Renate Eichmeier (BR 2018)
Credits Autorin: Renate Eichmeier Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann Technik: Fabian Zweck Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Gerrit Hohendorf
Linktipps:
BR (2024): Ohne Gnade - Euthanasie im Nationalsozialismus
Anhand von drei Opferbiografien zeichnet "Ohne Gnade" das perfide System der Euthanasie im Nationalsozialismus nach und begleitet Angehörige auf ihrer Suche nach der Wahrheit. JETZT ANSEHEN
SR (2024): NS-Ärzte, ihre Verbrechen, ihre Karrieren
Sie experimentierten für ihre Forschungszwecke mit Menschenleben, setzten skrupellos die Ideologie des NS-Regimes um. Deutsche Mediziner agierten als willige Erfüllungsgehilfen des „Dritten Reichs“. Allein 350.000 Menschen wurden damals durch ihre biologisch und juristisch willkürlichen Einordnungen als minderwertig abgestempelt und zwangssterilisiert. Viele verantwortliche Mediziner konnten nach dem Krieg 1945 aber ungehindert ihre Karrieren fortsetzen. JETZT ANSEHEN
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ERZÄHLER: Martin B., Schuhmachermeister, geboren 1901, erkrankt als Jugendlicher 1918 an einer Gehirnentzündung und leidet jahrelang unter den Folgen: Parkinson-Symptome wie Zittern der linken Hand, später auch Nachziehen des linken Beines. Ab 1926 ist der junge Familienvater wiederholt in Behandlung in einer psychiatrischen Klinik in Tübingen, arbeitet nach seiner Entlassung immer wieder als Schuhmacher. Im September 1938 weist ihn der behandelnde Arzt in die Heilanstalt Schussenried ein. Anfang Mai 1940 schreibt er eine letzte Postkarte an seine Familie. Zwei Monate später erhalten seine Frau und seine Kinder einen sogenannten „Trostbrief“ aus der Anstalt Schloss Grafeneck bei Reutlingen, in dem sie mit Bedauern darüber informiert werden, dass Martin B. an einem Hirnschlag gestorben sei.
O-TON1 HOHENDORF 18‘‘ Aktion T4 bedeutet die systematische Erfassung, Selektion und Vernichtung der Patienten in psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalten auf dem Gebiet des Deutschen Reiches in den Jahren 1939 bis 1941.
ERZÄHLERIN: T4 ist das Kürzel für die Tiergartenstraße 4 in Berlin und war die Adresse einer eleganten Stadtvilla aus der Gründerzeit, die sich nahe der heutigen Philharmonie befand. Im Auftrag der „Kanzlei des Führers“, einer Dienststelle, die Adolf Hitler unmittelbar unterstand, waren dort ab 1940 Verwaltungsbeamte, Sachbearbeiter, Sekretärinnen, Fahrer und Ärzte mit einer sogenannten „Geheimen Reichssache“ beschäftigt: Unter dem Tarnnamen „Zentraldienststelle T4“ organisierten sie die Ermordung von etwa siebzigtausend Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in psychiatrischen Einrichtungen untergebracht waren. Dazu der Medizinhistoriker Gerrit Hohendorf.
O-TON2 HOHENDORF 1‘ 05‘‘ Wie bei vielen anderen nationalsozialistischen Massenvernichtungsaktionen auch gibt es hier nicht so etwas wie einen eindeutigen Befehl, eine eindeutige Anordnung. Es gibt die Euthanasie-Ermächtigung von Adolf Hitler, rückdatiert auf den 1. September 1939, den Tag des Kriegsbeginns, aber wahrscheinlich im Oktober 1939 verfasst, die namentlich zu bestimmende Ärzte ermächtigen sollte, bei kritischer Prüfung des Gesundheitszustandes den Gnadentod zu gewähren. Das klingt jetzt zunächst einmal sehr human, war aber eigentlich eine verklausulierte Formulierung, dass sich innerhalb der Psychiatrie ein Expertenkreis bilden sollte, der das Programm zur Vernichtung lebensunwerten Lebens plant und ausführt.
ERZÄHLERIN: Die Idee vom sogenannten „lebensunwerten Leben“ war keine nationalsozialistische Erfindung, sondern lässt sich zurückverfolgen ins 19. Jahrhundert. Auf dem Hintergrund von Kolonialismus und aufstrebenden Naturwissenschaften braute sich ein explosives Gedankengemisch zusammen, das biologistische Vorstellungen zu gesellschaftlichen Maßstäben machte. Sozialdarwinisten wie der britische Soziologe Herbert Spencer prägten Begriffe wie den vom „survival of the fittest“, wörtlich dem „Überleben der Passendsten“. Autoren wie der Franzose Arthur Gobineau fantasierten von Ariern und dem unterschiedlichen Wert von menschlichen Rassen. Ärzte wie der Deutsche Alfred Plötz beschäftigten sich mit der in Mode gekommenen „Eugenik“, sprich: „Erbgesundheitslehre“, in der es um die Verbesserung des menschlichen Erbgutes ging. Und die Diskussionen um Sterbehilfe, ursprünglich gedacht als Erlösung für Schwerkranke, verlagerten ihren Fokus zusehends auf eine Pflicht zum Tod für all diejenigen, die der Gesellschaft keinen ökonomischen Nutzen brachten. Begriffe wie „Rassenhygiene“ und „lebensunwertes Leben“ etablierten sich und kursierten weltweit in wissenschaftlich verbrämten Diskussionen.
ERZÄHLER: 1920 veröffentlichte Alfred Hoche, Professor für Psychiatrie in Heidelberg, gemeinsam mit dem Juristen Karl Bindung in dem renommierten Wissenschaftsverlag Felix Meiner in Leipzig ein Buch mit dem Titel: „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“; in dem befürworteten die beiden Autoren neben der Sterbehilfe für Schwerkranke auch die Tötung von Zitat: „geistig toten Menschen“. Darunter subsummierten sie Menschen mit den verschiedensten geistigen, psychischen oder körperlichen Handicaps, die als „Ballastexistenzen“ der Gesellschaft Geld kosten und ihr schaden würden.
ERZÄHLERIN: Sozialdarwinistische und rassistische Vorstellungen eskalierten in der nationalsozialistischen Ideologie zu einer Extremform. Auf der einen Seite das arische Ideal des germanischen Herren-Menschen: blond, blauäugig, stark, gesund. Auf der anderen Seite die – in Anführungszeichen „Untermenschen“: die Juden, die Kranken, die Schwachen … Sofort nach der Machtübernahme 1933 begannen die Nationalsozialisten mit der politischen Umsetzung ihrer rassistischen Ideologie. Einerseits sollten durch Projekte wie dem „Lebensborn e.V.“ diejenigen zur Fortpflanzung animiert werden, die dem blonden Ideal entsprachen. Andrerseits diente eine Flut von Gesetzen der Durchsetzung der sogenannten „Rassenhygiene“ und legalisierte staatliche Sanktionen gegen Menschen mit unerwünschtem Erbgut – egal ob aus gesundheitlichen oder anderen Gründen.
ERZÄHLER: Vom Juli 1933 stammte das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das staatlich verordnete Zwangssterilisationen erlaubte und im Laufe der Jahre systematisch erweitert wurde, ebenfalls 1933 „Gesetz über Förderung der Eheschließungen“, Juni 1935 „Gesetz zur Änderung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, September 1935 „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, Oktober 1935 „Ehegesundheitsgesetz“ ...
ERZÄHLERIN: Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges war der normale Alltag außer Kraft gesetzt. Die Nationalsozialisten begannen mit der Ermordung all jener, die sie vorher gesellschaftlich ausgegrenzt hatten. Um die Mordaktion zu verschleiern, trat die Zentraldienststelle T4 nach außen hin je nach Bedarf unter verschiedenen Tarnnamen auf.
ERZÄHLER: Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten, Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege, Gemeinnützige Krankentransport GmbH und Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten.
ERZÄHLERIN: Im Deutschen Reich gab es etwa 800 psychiatrische Einrichtungen. Initiiert durch die Zentraldienststelle T4 in Berlin wurden ab Oktober 1939 sechs der großen Pflegeanstalten gemietet oder beschlagnahmt:
ERZÄHLER: Als erstes Schloss Grafeneck in Württemberg, weitere folgten in Brandenburg an der Havel, Bernburg an der Saale, Hartheim bei Linz, Hadamar bei Limburg und auf Schloss Sonnenstein bei Pirna.
ERZÄHLERIN: Gaskammern und Krematorien wurden eingebaut und zuverlässiges Personal angeworben: Verwaltungspersonal, Fahrer für die Deportationen, Leichenbrenner, Ärzte, die das Töten der Patienten übernahmen.
O-TON3 HOHENDORF 43‘‘ Bei der Rekrutierung wurde den Leuten noch nicht klar gesagt, was auf sie zukommt. Die wurden also so sukzessive damit konfrontiert. Man hat die Aktion im Groben erläutert. Aber dass es sich tatsächlich um ein industrielles Massenvernichtungs-Programm gehandelt hat, das ist, glaub ich, vielen erst klargeworden, als sie dann tatsächlich in den Tötungsanstalten angekommen sind. Angedeutet wurde das in jedem Fall, verklausuliert formuliert, aber die ganz konkrete brutale Umsetzung – die haben sie, denke ich, vor Ort erfahren.
ERZÄHLER: Unter dem Decknamen Doktor Schmitt war der junge Arzt Aquillin Ullrich 1940 einige Monate in der Tötungsanstalt in Brandenburg tätig – als Vertreter des Leiters Irmfried Eberl, der als Arzt für die Ermordung zuständig war. Nach dem Krieg sagte Ullrich aus, dass er – wie für die Ärzte vorgeschrieben – bei der Untersuchung der entkleideten Opfer und bei der sich daran anschließenden Ermordung in der Gaskammer beteiligt war. Aus seiner Studentenzeit kannte Ullrich den Würzburger Professor für Psychiatrie Werner Heyde, der von Beginn an in die Euthanasie-Morde verwickelt war. Heyde hatte ihm von der Aktion erzählt und gefragt, ob er als Assistenzarzt beim Zitat: „Einschläfern“ ausgewählter Patienten mitarbeiten wolle. Nach einiger Bedenkzeit hatte er zugesagt, weil er – so sagte er aus – den „unheilbar Kranken“ bei der Erlösung von ihren Leiden habe helfen wollen. Bei seinem ersten Besuch in der Tötungsanstalt Brandenburg sei ihm klargeworden, dass es sich um industriellen Massenmord handle, er habe sich niedergeschlagen gefühlt, habe aber nicht den Mut aufgebracht abzusagen.
ERZÄHLERIN: Aquillin Ullrich warb Studienfreunde für die T4 Aktion und wechselte Ende 1940 in die Zentraldienststelle nach Berlin, wo er in der Planungsabteilung arbeitete. Mit großem bürokratischen Aufwand plante und organisierte die Berliner Zentrale die Morde – nicht zuletzt auch aus Gründen der Verschleierung. In Zusammenarbeit mit dem Reichsministerium des Inneren erfolgte die Auswahl der Opfer mittels Meldebogen –
O-TON4 HOHENDORF 38‘‘ …wo gefragt wurde nach der Diagnose der Erkrankung, nach der Dauer der Erkrankung, nach der Dauer der Anstaltsbehandlung, nach der Prognose, nach dem Kontakt zu Angehörigen und vor allem auch nach dem Verhalten. Und ganz am Ende sollte dann die Arbeitsfähigkeit in Prozent der Arbeitsleistung Gesunder eingeschätzt werden. Diese fehlende ökonomische Brauchbarkeit der Anstaltspatienten war das entscheidende Selektionskriterium der Aktion T4.
ERZÄHLERIN: Die Direktoren der Heil- und Pflegeanstalten füllten die Meldebögen aus und schickten sie nach Berlin. Die Zentraldienststelle T4 verteilte sie dann an die psychiatrischen Gutachter, die in einem Kästchen am linken unteren Rand des Meldebogens ihr Urteil abgaben: ein rotes Kreuz stand für Liquidierung des Patienten; ein blaues Minus-Zeichen bedeutete, dass der Patient weiterleben durfte. Das war alles. Danach ging der Meldebogen an einen Obergutachter, der letztendlich über Leben und Tod entschied. Insgesamt waren etwa 40 Psychiater als Gutachter für die T4 Aktion tätig. Darunter waren Universitäts- und Anstaltspsychiater, die sich in den 1920er Jahren intensiv für die Reform der Psychiatrie eingesetzt hatten, nationalsozialistische Überzeugungstäter und auch solche, die sich eher als Verwaltungsbeamte verstanden und die Kosten in den überfüllten Anstalten reduzieren wollten.
O-TON5 HOHENDORF 1‘12‘‘ Der Großteil der Psychiater hat in den 1930er Jahren den Schwerpunkt seiner Arbeit auf Prävention gelegt und gesagt: Unsere Hauptaufgabe ist eigentlich das deutsche Volk auf erbliche psychiatrische Erkrankungen zu screenen, das Sterilisationsprogramm zu unterstützen und an einem großen Erlösungswerk teilzuhaben. Und ich glaube, dass dies es den Psychiatern erleichtert hat, die Patienten dann auch letztlich den Deportationen der Aktion T4 auszuliefern. Es gibt eine enge Verknüpfung zwischen Heilen und Vernichten, also zwischen der Idee, dass man die unheilbaren Patienten, die sich auch durch die damals modernen Schocktherapieverfahren therapeutisch nicht positiv beeinflussen lassen, dass man diese Patienten loswird, um die damit verbundenen Ressourcen lieber für die heilbaren Patienten einzusetzen.
ERZÄHLERIN: Die Direktoren der Pflege- und Heilanstalten wurden nicht offiziell darüber informiert, welchen Zweck die Erfassung durch die Meldebogen hatte. Spätestens aber als die ersten Transportlisten kamen mit den Namen von denjenigen, die verlegt werden sollten, war klar, dass es sich nicht nur um eine Erfassung für bürokratische Zwecke handelte. Unter dem Decknamen „Gemeinnützige Krankentransport GmbH“ organisierte die Zentralstelle die Deportationen in die Tötungsanstalten. Pro Transport wurden 40 bis maximal 150 Personen abgeholt: Menschen mit körperlichen oder geistigen Handicaps, mit psychischen Störungen, chronischen Krankheiten, Lernschwierigkeiten, Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft, Akademiker, Kaufleute, Handwerker, Arbeiter, Menschen, die sozial auffällig waren – etwa als Obdachlose oder Prostituierte.
O-TON6 HOHENDORF 39‘‘ Im Grunde genommen setzen sich die T4 Opfer zusammen aus den Menschen, die damals aus den unterschiedlichsten Gründen heraus in Heil- und Pflegeanstalten eingewiesen wurden, weil sie als psychisch krank angesehen waren, weil sie mit den Leistungsanforderungen der NS Volksgemeinschaft nicht zurecht gekommen sind, weil sie vielleicht auch Straftaten begangen haben oder auf der Straße auffällig geworden sind, von der Polizei aufgegriffen wurden und dann eben in eine Heil- und Pflegeanstalt kamen.
ERZÄHLERIN: Die Tötungsanstalten gaben sich den Schein einer normalen Heil- und Pflegeanstalt. Das Personal trug weiße Kittel. Bei Ankunft wurden die Männer und Frauen in einen Aufenthaltsraum gebracht, wo sie sich unter dem Vorwand einer Untersuchung ausziehen mussten. Anschließend wurden sie Ärzten wie Aquillin Ullrich vorgeführt, die ihre Identität überprüften, kontrollierten, ob die Entscheidung eines Obergutachters vorlag und entschieden, welche Todesursache offiziell angegeben werden sollte. Unter dem Vorwand, dass sie eine Dusche nehmen sollten, wurden die Gruppen dann geschlossen in die Gaskammern geführt. Das Einführen von Kohlenmonoxid war die Aufgabe der Ärzte. Durch ein Sichtfenster konnten sie das Sterben der Menschen beobachten. Nach einer knappen halben Stunde wurde der Gashahn zugedreht, die Gaskammern entlüftet und die Leichen dann ein bis zwei Stunden später von Pflegern in einen Totenraum gebracht, wo ihnen vor ihrer Verbrennung im Krematorium Goldzähne herausgenommen wurden.
ERZÄHLER: Schloss Grafeneck bei Reutlingen: 9.839 Ermordete; Brandenburg an der Havel: 9.772 Ermordete; Bernburg an der Saale: 8.601 Ermordete; Hadamar in Nordhessen: 10.072 Ermordete; Hartheim bei Linz: 18.269 Ermordete; Schloss Sonnenstein bei Pirna 13.720 Ermordete.
ERZÄHLERIN: Jeder Tötungsanstalt war ein Standesamt angeschlossen. Es stellte die Sterbeurkunden für die Ermordeten aus, die den Hinterbliebenen mit einem Begleitschreiben zugesandt wurden.
ERZÄHLER: In diesen sogenannten „Trostbriefen“ drückten die Verantwortlichen ihr Bedauern aus, gaben natürliche Todesursachen wie Hirnschlag an und verwiesen darauf, dass nach dem langen unheilbaren Leiden der Tod sicher eine Erlösung gewesen sei.
ERZÄHLERIN: Trotz strengster Geheimhaltung machten Gerüchte die Runde. Die grauen Busse, der Rauch über den Tötungsanstalten, der Gestank nach verbrannten Leichen … Das massenhafte Sterben der Psychiatriepatienten und -patientinnen sorgte für Aufsehen in der Öffentlichkeit. Im Frühjahr 1940 wussten oder ahnten zumindest weite Teile der Bevölkerung, was in den Tötungsanstalten vor sich ging. Widerstand und Protest regte sich insbesondere in kirchlichen Kreisen. Katholische und evangelische Bischöfe haben sich mit Eingaben an das Justizministerium gewandt, Staatsanwälte Ermittlungsverfahren eingeleitet. Doch der Versuch, die Morde auf legalem Weg zu stoppen, hatte keinen Erfolg.
O-TON7 HOHENDORF 29‘‘ Das einzige was Erfolg hatte, war der öffentliche Protest. Und den hat beispielhaft der Bischof von Münster, Graf von Galen, in seiner Predigt am 3. August 1941 in der Lambertikirche in Münster umgesetzt, wo er öffentlich über die Deportation der Münsteraner Psychiatriepatienten berichtet hat.
ERZÄHLERIN: Die mutige Predigt Graf von Galens gegen die Euthanasiemorde schlug hohe Wellen in der Öffentlichkeit. Um die Bevölkerung zu beruhigen, ließ Adolf Hitler im August 1941 die Mordaktion unterbrechen. Die Zentraldienststelle T4 in Berlin stellte ihre Tätigkeit zwar nicht ein, die Meldebogenerfassung ging weiter, aber die Deportationen der Patienten aus den Heil- und Pflegeanstalten fanden nicht mehr statt. Die Tötungsanstalten haben das Morden zum Teil ganz eingestellt. Andere hatten eine neue Opfergruppe.
ERZÄHLER: In den Gaskammern in Bernburg an der Saale, auf Schloss Sonnenstein bei Pirna und in Hartheim bei Linz wurden Häftlinge aus Konzentrationslagern ermordet, die als arbeitsunfähig galten.
ERZÄHLERIN: Neben der Ermordung der etwa siebzigtausend Patienten und Patientinnen, die von der Berliner Zentraldienststelle T4 aus den psychiatrischen Anstalten deportiert wurden, ließen die Nationalsozialisten noch weitere Zehntausende von Menschen unter dem Deckmantel der Euthanasie töten. Bereits seit 1939 wurden im Reichsgebiet Kinder und Jugendliche mit geistigen oder körperlichen Handicaps in extra dafür eingerichteten Kinderfachabteilungen ermordet. In den besetzten Ostgebieten wurden Psychiatrieinsassen erschossen, mit Gas oder wie auch immer getötet. Und in den psychiatrischen Anstalten vor Ort wurden ab August 1941 Patienten zwar nicht mehr von Bussen abgeholt und in den Tötungsanstalten ermordet, aber man forcierte ihr Sterben auf verschiedenste Art und Weise. Die Sterblichkeit in den Heil- und Pflegeanstalten stieg rapide an: von etwa 5 Prozent Ende der 1930er Jahre auf 20, 30 oder 40 Prozent in einzelnen Anstalten.
O-TON8 HOHENDORF 58‘‘ Das hatte natürlich System, das bedeutet, dass man durch die Sparmaßnahmen und die schlechte Versorgung der Patienten einen deutlichen Anstieg der Sterblichkeit, insbesondere beispielsweise an Infektionskrankheiten, an Tuberkulose, bewusst in Kauf genommen hat. Und diese deutliche Erhöhung der Sterblichkeit, die muss man eigentlich zu den dezentralen Formen der Euthanasie rechnen. Und dann kommt man letztlich zu dem Ergebnis, dass durch Vernachlässigung, schlechte medizinische Versorgung, durch Verhungernlassen, aber auch durch überdosierte Medikamente in den Heil- und Pflegeanstalt noch deutlich mehr Patienten gestorben sind und zu Tode gebracht wurden, als der Aktion T4 zum Opfer gefallen waren. Dadurch erklärt sich auch die hohe Gesamtopferzahl geschätzt mit den besetzten Gebieten auf 300.000.
ERZÄHLERIN: In den nationalsozialistischen Mörder-Kreisen diskutierte man immer wieder die Möglichkeit, die Morde durch ein Euthanasie-Gesetz zu legalisieren. Doch Adolf Hitler war dagegen. Noch wollte er kein Euthanasie-Gesetz, weil er sich damit öffentlich zu der Ermordung von Patienten psychiatrischer Anstalten hätte bekennen müssen. Er hatte Angst vor Widerstand und Protest in der Bevölkerung.
O-TON9 HOHENDORF 48‘‘ Er hat gedacht, wir können die Euthanasie, die Vernichtung lebensunwerten Lebens, eigentlich erst dann in unsere Lebensform integrieren, ja, also Euthanasie als normaler Bestandteil der medizinischen Norm psychiatrischen Versorgung, wenn das deutsche Volk reif dafür ist und wenn der Widerstand der Kirche gebrochen ist. Und das erhoffte man sich eben erst nach dem Endsieg. Da wollte man alles offenlegen. Und da wollte man mit allen Gegnern abrechnen.
ERZÄHLERIN: Vorerst jedoch begannen die Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten. Die Zentraldienststelle T4 in Berlin stellte morderprobte Experten zur Verfügung: Köche, Fahrer, Kuriere, Krankenpfleger, Leichenbrenner, aber auch Führungspersonal, das sich mit Gas-Massenmorden auskannte. Sie fanden ein neues Aufgabengebiet in den Todeslagern Belzec, Sobibor und Treblinka, in deren Gaskammern 1942/43 innerhalb weniger Monate ein bis zwei Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder getötet wurden.
"Der Sozialismus ... hat unwiderruflich gesiegt", sagte die 61jährige Margot Honecker noch im Juni 1989 im Palast der Republik. Wenige Wochen später begann die Massenflucht vor allem junger Menschen aus der DDR. Die Ära Honecker ging zu Ende und mit ihr der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden. Mehr als zwei Jahrzehnte prägten die Honeckers den sogenannten Staatssozialismus der DDR. Dabei verloren sie zunehmend den Kontakt zum Volk und verweigerten sich der Reformpolitik von Michail Gorbatschow. Im Winter 1989 wurden sie zum Rücktritt gezwungen. Von Renate Eichmeier (BR 2019)
Credits Autorin: Renate Eichmeier Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Amberger, Rahel Comtesse, Peter Lersch Technik: Lydia Schön-Krimmer Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Stefan Wolle
Anmerkung der Redaktion:
Bis heute gibt es keine exakte Zahl der Todesopfer an der innerdeutschen Grenze bzw. der Berliner Mauer. Nähere Informationen und Angaben zu den Zahlen erhalten Sie HIER.
Ein besonderer Linktipp der Redaktion:
Deutschlandfunk Kultur: Die Geschichte geht weiter - Victor Klemperers Tagebücher 1918 - 1959
Victor Klemperer hat in seinen Tagebüchern die großen Umbrüche notiert – von der Weimarer Republik über die Nazi-Zeit bis zum ersten Jahrzehnt der DDR. Host und Historikerin Leonie Schöler nimmt uns in diesem Podcast mit in die Welt eines deutschen Zeitzeugen. ZUM PODCAST
Linktipps:
ARD History (2009): Besuch bei Margot Honecker
Spurensuche in Chile: Seit 1992 lebt hier Margot Honecker im Exil. Die Frau des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker war einst die mächtigste Politikerin der DDR - heute wohnt sie zurückgezogen in einem Haus im noblen Vorort von Santiago, verschanzt hinter hohen Mauern. Was denkt die heute 82-Jährige über die DDR und den Fall der Mauer? NDR-Autorin Christine Adelhardt hat Freunde und Weggefährten besucht und versucht, mit Margot Honecker ins Gespräch zu kommen. Ihre Erkenntnis: Auch Jahrzehnte nach dem Ende der DDR findet sich bei ihr keine Einsicht. JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk Kultur (2017): Wo die DDR-Elite wohnte
In der DDR-Siedlung Wandlitz lebte die politische DDR-Elite, abgeschottet vom Rest des Volkes. Kaum einer durfte hier rein – und so hielten sich beständig Gerüchte von Luxuspalästen und goldenen Wasserhähnen. Nun ist die DDR-Elitesiedlung unter Denkmalschutz gestellt worden. Zum Beitrag geht es HIER.
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
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Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Alles Geschichte JETZT ENTDECKEN
Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 - Intro TC 06:04 - Erich TC 09:14 - Margot TC 11:06 – Außereheliche Pfade TC 14:03 - Kronprinz der DDR TC 18:04 – Die Honecker-Ära TC 23:20 – Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 - Intro
MUSIK
SPRECHER: Margot habe ihn fasziniert, weil sie ein hübsches junges Mädel war, sagte Erich Honecker einmal in einem Interview. Und weil sie sehr aktiv war in der kommunistischen Bewegung.
SPRECHERIN: Und Margot Honecker meinte rückblickend, Erich habe ihr gefallen, weil er ein guter Kamerad war, er sei sehr spontan und liebevoll gewesen.
ERZÄHLERIN: Erich und Margot Honecker lernten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Halle an der Saale kennen. Der Faschismus war besiegt. Europa lag in Trümmern. Erich und Margot stürzten sich euphorisch in die kommunistische Jugendarbeit, wollten dabei sein beim Aufbau einer neuen sozialistischen Gesellschaft unter der Direktive der mächtigen Sowjetunion und ihres "großen Führers" Stalin. Über ihre politische Arbeit kamen sich die beiden näher. Erich Honecker war Vorsitzender der FDJ, der Freien Deutschen Jugend. Margot war dort ebenfalls Funktionärin und trat bei der Gründung der DDR im Oktober 1949 zum ersten Mal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Fotos zeigen die 22-Jährige glücklich strahlend neben dem Spitzenkommunisten Wilhelm Pieck, den sie im Namen der Jugend einen Blumenstrauß überreichte und ihm zu seiner Wahl zum ersten Präsidenten der Deutschen Demokratischen Republik gratulierte.
MUSIK
Vier Jahrzehnte später hatte sich das Szenario grundlegend geändert. Erich und Margot Honecker, mittlerweile ins Machtzentrum der sozialistischen DDR aufgestiegen, standen an ihrem politischen Ende. Der Historiker und wissenschaftliche Leiter des DDR-Museums in Berlin Dr. Stefan Wolle:
O1 WOLLE 14'' Insgesamt war ja das gesamte kommunistische Lager, das Herrschaftssystem der Sowjetunion war ja vollkommen brüchig geworden, und es war bloß die Frage eigentlich, kann man im Nachhinein sagen, in welcher Form es zusammenbricht.
MUSIK
ERZÄHLERIN: 6. und 7. Oktober 1989: Die Führungselite der DDR feierte den 40. Jahrestag der sozialistischen Staatsgründung. Auf dem Alexanderplatz riefen tausende Demonstranten: "Gorbi! Gorbi, hilf uns! Gorbi, hilf uns!" Gemeint war damit der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow, der als Ehrengast zu den Feierlichkeiten in Ostberlin eingeladen war. Die innenpolitische Lage der DDR war angespannt. Das sozialistische Machtsystem unter dem 77-jährigen Erich Honecker wankte. Seit Wochen flohen DDR-Bürger und Bürgerinnen über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen. Nicht nur in Ostberlin, auch in Leipzig, Halle und anderen ostdeutschen Städten kam es zu Protesten.
Zusp.: O-Ton Erich Honecker - W0328587 Den Sozialismus – so sagt man bei uns immer – in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.
ERZÄHLERIN: Hatte Erich Honecker noch im August 1989 gesagt.
SPRECHERIN: Und Margot hatte verkündet, dass der Sozialismus (…) unwiderruflich gesiegt habe und es niemandem gelingen werde, das Rad der Geschichte zurückzudrehen.
ERZÄHLERIN: Das war Mitte Juni 1989, als unter ihrer Leitung im Palast der Republik der IX. Pädagogische Kongress der DDR stattfand. Als Ministerin für Volksbildung hatte sie ihn von langer Hand vorbereiten lassen – mit dem Ziel, öffentlich die Errungenschaften der sozialistischen Bildungspolitik zu demonstrieren. Fast zeitgleich war der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow auf Staatsbesuch in Westdeutschland. "Gorbi! Gorbi! Gorbi!" skandierten auch dort Tausende. Die Reformpolitik von Gorbatschow nährte die Hoffnung auf eine Öffnung des sozialistischen Ostblockes, auf ein Ende des jahrzehntealten Ost-West-Konfliktes
MUSIK
…In Westdeutschland als Politstar gefeiert, von der ostdeutschen Bevölkerung als Reformer begrüßt, begegnete ihm die sozialistische Führungsriege der DDR unter Erich Honecker mit Ablehnung. Mit starrem Gesicht hatte Margot Honecker auf dem Pädagogischen Kongress im Palast der Republik verkündet, dass –
SPRECHERIN: mancher, der das weit von sich weisen würde, sich mit den Gegnern des Sozialismus zusammengetan habe. Und sie verstieg sich zu der Forderung, dass unsere Zeit eine Jugend brauche, die kämpfen könne, die den Sozialismus stärken helfe, die für ihn eintrete und ihn verteidige mit Wort und Tat und, wenn nötig, mit der Waffe in der Hand.
ERZÄHLERIN: Wenige Wochen nach der skurrilen Rede von Margot Honecker begann die Massenflucht vor allem junger Menschen aus der DDR und leitete das Ende der Ära Honecker und das Ende des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden ein. Lange Jahre hatten Erich und Margot Honecker den sogenannten Staatssozialismus der DDR geprägt: mit zunehmender Härte und wachsendem politischem Starrsinn. Erich Honecker war als Staats- und Parteichef zum mächtigsten Mann des DDR-Regimes aufgestiegen. Die 15 Jahre jüngere Margot setzte ab 1963 als Ministerin für Volksbildung innovative Konzepte wie polytechnische Bildung und Ganztagsbetreuung durch, aber auch umstrittene Maßnahmen wie den Wehrkundeunterricht.
MUSIK
SPRECHERIN Der beste Freund des deutschen Volkes solle leben, der Freund aller jungen Menschen, der große Stalin.
TC 06:04 - Erich
ERZÄHLERIN Aufnahmen Anfang der 1950er Jahre zeigen die junge Margot Feist bei FDJ-Veranstaltungen: Sie ist Anfang 20, ein hübscher Lockenkopf in blauer FDJ-Uniform, eine strahlende Sozialistin, eine mitreißende Rednerin, eine, der man glaubt, was sie sagt. Nicht selten ist neben ihr Erich Honecker zu sehen, ein gutaussehender Mann, Mitte 30, ebenfalls in FDJ Uniform, ebenfalls einer, der Begeisterung für den Sozialismus ausstrahlt.
MUSIK
Erich und Margot stammten aus Arbeiterfamilien, waren in kommunistischen Elternhäusern groß geworden und hatten den Terror der NS-Zeit am eigenen Leib erfahren. Margots Vater war jahrelang in Gefängnissen und Konzentrationslagern eingesperrt. Erich Honecker schmuggelte kommunistisches Propagandamaterial nach Nazideutschland, bis er 1935 von der Gestapo verhaftet wurde. Er war 23 Jahre alt und verbrachte 10 Jahre im Gefängnis, die meiste Zeit davon im Zuchthaus Brandenburg. 1945 war der Krieg zu Ende, die Nazis besiegt, viele Städte zerstört, Millionen Menschen ermordet ... Erich Honecker war 32 Jahre alt, als russische Soldaten der Roten Armee ihn befreiten.
O2 Wolle 19'' Er hat sich dann nach Berlin begeben, wo die ersten kommunistischen Emissäre aus Moskau angekommen waren und hat sich denen zur Verfügung gestellt. Und die waren da sehr glücklich, da einen relativ jungen Mann zu bekommen mit Erfahrung in der Jugendarbeit. Und er hat dann sehr schnell die Leitung der Freien Deutschen Jugend übernommen.
ERZÄHLERIN So der Historiker und DDR Spezialist Stefan Wolle. Trotz der langen Jahre im Gefängnis konnte Erich Honecker Erfahrungen in der kommunistischen Funktionärsarbeit vorweisen. 1912 im Saarland geboren, war er bereits als Kind in einer kommunistische Kindergruppe, wechselte später in die Jugendorganisation der kommunistischen Partei KPD, übernahm organisatorische Aufgaben und stieg schnell in Funktionen von überregionaler Bedeutung auf. Er fing zwar eine Dachdeckerlehre an, brach diese aber ab, als er 1930 als vielversprechender Nachwuchskader auf die Lenin-Schule der Kommunistischen Internationale in Moskau geschickt wurde. Erich Honecker war also bestens geeignet für den Posten der FDJ Leitung.
O3 Wolle 42'' Die Freie Deutsche Jugend war nicht von Anfang an eine kommunistische Organisation, sondern sie legte großen Wert auf ihre angebliche – muss man jetzt mal sagen – angebliche Überparteilichkeit, das heißt, in dem Leitungsgremium der FDJ, dem Zentralvorstand, waren auch Sozialdemokraten anfangs und einige bürgerliche und christliche Politiker. Aber die Kommunisten hatten natürlich alles in der Hand. Und da war Erich Honecker von Anfang an ein getreuer Erfüllungsgehilfe der Weisungen der Partei, und hat das auch von Anfang an alles da durchgepeitscht, was die SED, also erst die Kommunistische Partei, dann die zur SED zusammengeschlossene Führungspartei, angeordnet hat.
TC 09:14 - Margot
MUSIK
SPRECHERIN: Ihre Mutter habe immer gesagt, Kommunisten seien die besseren Menschen, erzählte Margot Honecker später.
ERZÄHLERIN: Als Hitler 1933 an die Macht kam, war Margot vier Jahre alt. Ihre Kindheit und Jugend waren geprägt von Armut und Angst: Hausdurchsuchungen durch die Gestapo, Verhaftungen des Vaters, Druck auf die Mutter.
SPRECHERIN: Zu einer Überzeugung, zu einer Sache müsse man stehen, ob das zur Familie sei, ob das zu unserer, der kommunistischen Sache sei, das habe ihre Mutter gesagt – so Margot Honecker später in einem Interview. Vor allen Dingen dürfe man sich nicht kleinkriegen lassen.
MUSIK
ERZÄHLERIN: Als ihre Mutter an einer versuchten Abtreibung starb, war Margot 13. Sie übernahm den Haushalt, kümmerte sich um ihren jüngeren Bruder und unterstützte trotz ihrer Jugend die illegale Arbeit der KPD. Mit dem Ende von Naziterror und Krieg begann für die 18-jährige Margot 1945 eine Zeit der euphorischen politischen Arbeit. Ihren Wunsch, Lehrerin zu werden, gab sie auf Drängen der Partei auf. Sie konzentrierte sich auf ihre Funktionärskarriere und stieg in der FDJ zielstrebig zur Vorsitzenden der Kinderorganisation "Junge Pioniere" auf. Die Genossen beschrieben Margot als lebendig, freundlich, kameradschaftlich, als ein attraktives Mädchen mit großer Ausstrahlung – das auch dem gutaussehenden FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker auffiel, der in der Aufbruchsstimmung jener Jahre durchaus charmant und eloquent sein konnte. Im Dezember 1949 reisten Erich und Margot als FDJ-Repräsentanten gemeinsam mit einer Delegation nach Moskau zur Feier von Stalins 70. Geburtstag.
TC 11:06 – Außereheliche Pfade
MUSIK
SPRECHER: Das sei natürlich für sie beide ein großes Erlebnis gewesen, erinnerte sich Erich Honecker später: Festveranstaltung im Bolschoitheater, Stalin und Mao Tse Tung auf der Bühne, später dann die Geburtstagsfeier im Kreml. Eine große Gemeinschaft sei das gewesen. Alle hätten auf das Wohl Stalins getrunken, auf weitere Erfolge der kommunistischen Weltbewegung.
MUSIK
ERZÄHLERIN: Irgendwann in dieser Zeit kamen sich Margot Feist und Erich Honecker näher: begeistert von Stalin, gehorsam gegenüber der Partei, klassen- und karrierebewusst. Doch als Erich die Affäre mit Margot begann, war er bereits verheiratet: mit Edith Baumann, seiner Stellvertreterin im FDJ Vorstand.
O4 WOLLE 39'' Das war das große Problem, denn das war nicht üblich in den Führungszirkeln der SED, dass man da irgendwie auf außerehelichen Pfaden wandelte. Das war strengstens untersagt. Die Partei war damals noch sehr puritanisch und sehr auf – ja, was sie selbst Moral, Sitte und Anstand nannten – ausgerichtet und es bedurfte dann einer speziellen, ja fast, Erlaubnis von Walter Ulbricht, dass sich hat Erich Honecker scheiden lassen und hat dann eben Margot Honecker geheiratet. Da gab es auch schon ein Baby.
ERZÄHLERIN: Walter Ulbricht war Chef der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, bei der alle Macht in der DDR lag. Unter dem Druck der Sowjets war er dafür verantwortlich, Partei und Gesellschaft der neu gegründeten DDR auf stalinistischen Kurs zu bringen und weltanschauliche Abweichungen in allen Lebensbereichen auszuschalten. Für die Affäre seines FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker zeigte er wenig Verständnis. Er stellte sich auf die Seite von Erichs Frau Edith Baumann, die sich hilfesuchend an ihn gewandt hatte. Mitglieder der FDJ schilderten, wie Erich Honeckers Führungsstil sich in dieser Zeit veränderte: Er wurde zunehmend verschlossen und autoritär, ließ sich auf keine Diskussionen mehr ein und berief sich im Zweifelsfall auf Walter Ulbricht und das Politbüro. Im privaten Bereich wagte er aber, sich gegen die Partei zu stellen, und entschied sich für Margot. Bis die beiden heiraten konnten, sollten allerdings einige Jahre vergehen.
O5 WOLLE 32'' Das Pärchen Margot und Erich haben das dann auch gegen alle Widerstände durchgesetzt, und er wäre wohl auch bereit gewesen, zugunsten seiner geliebten Margot auf seine politische Karriere zu verzichten. Das war wirklich was Besonderes: Er hat es riskiert. Andere sind über solche Sachen wirklich gestolpert und von der Karriereleiter runtergefallen. Honecker nicht so.
TC 14:03 - Kronprinz der DDR
ERZÄHLERIN: Als überzeugter Stalinist wurde er 1950 Mitglied im Zentralkomitee, dem obersten Gremium der SED. Der Kreml drängte auf eine Umsetzung von Stalins Richtlinien: Enteignung und Kollektivierung sollten forciert werden, ebenso der Aufbau von Produktionsgenossenschaften, die Ausschaltung politischer Gegner … Gemeinsam mit Margot verstärkte Erich Honecker den Kampf der FDJ gegen kirchliche Jugendgruppen. Die Unruhe in der Bevölkerung nahm zu. Es kam zu Versorgungsengpässen. Viele flüchteten in den Westen. Am 17. Juni 1953 kam es in Ostberlin und anderen Städten der DDR zu Protesten, die von sowjetischen Panzern niedergeschlagen wurden. Da tausende FDJ-Mitglieder die Demonstrationen unterstützt hatten, gerieten Erich Honecker und Margot Feist als führende FDJ-Funktionäre in die Kritik. Beide waren auf einem Tiefpunkt ihrer Karriere. Obwohl Erich immer noch nicht geschieden war, lebten sie bereits zusammen. 1952 hatte Margot die gemeinsame Tochter Sonja bekommen. Politisch geschwächt und mit einem immer noch ungeordneten Privatleben mussten die beiden sich die Maßregelungen der Partei gefallen lassen. Margot musste eine einjährige Trennung von ihrer kleinen Tochter in Kauf nehmen.
SPRECHER: Aufgrund von Intrigen, die er nicht habe verhindern können, so Erich Honecker, sei Margot per Parteibeschluss 1953 für ein Jahr auf die Jugendhochschule in Moskau geschickt worden.
ERZÄHLERIN Es sollte einige Jahre dauern, bis die Karriere der Honeckers wieder ins Laufen kam. Nach Erichs Scheidung konnten die beiden endlich heiraten. Und als Margot 1954 aus Moskau zurückkam, durfte sie ihre Tätigkeit bei der FDJ zwar nicht mehr aufnehmen. Nach einigem Hin und Her bekam sie aber die Leitung der Lehrerbildung im Ministerium für Volksbildung übertragen – und nutzte die Chance: Sie arbeitete sich schnell ein, suchte sich politisch verlässliche Mitarbeiter und baute ihre Macht aus. 1958 wurde sie stellvertretende Ministerin für Volksbildung – und Erich Honecker der verantwortliche Sekretär für Sicherheit.
O6 WOLLE 45'' Das ist eine ganz wichtige und zentrale Position gewesen, etwas im Hintergrund. Er war nicht mehr so exponiert wie als FDJ-Chef und war dann eben auch wirklich im Politbüro, das heißt im Kreis der ganz mächtigen Leute, als so eine Art Schildknappe von Walter Ulbricht – muss man schon sagen. Er hat auch Walter Ulbricht die Treue gehalten, als die Position des Generalsekretärs zur Disposition stand zweimal 1953 und 1956. Da wäre Ulbricht also fast gestürzt worden, aber Erich Honecker hat ihm bis dahin immer treu zur Seite gestanden, ist dafür gewissermaßen auch belohnt worden und hat dann die folgenden Jahre als eine Art Kronprinz im Hintergrund agiert.
MUSIK
ERZÄHLERIN: Anfangs lebten die Honeckers noch in Berlin Pankow, umgeben von Nachbarn und Freunden, mit denen sie mal Skat spielen oder ein Bier trinken konnten. 1960 mussten sie wie alle Mitglieder des Politbüros in die neu gebaute Siedlung Wandlitz umziehen. Das Gelände lag in der Nähe von Bernau etwa 40 Fahrminuten nördlich von Berlin, umgeben von einer Mauer, bewacht vom Ministerium für Staatssicherheit, ausgestattet mit einigem Komfort: Klubhaus, Schwimmbad, Hauspersonal, einem Laden mit hochwertigen Westprodukten und Waren, an denen es in der DDR mangelte wie frisches Obst und Gemüse. Wandlitz sollte der Sicherheit des sozialistischen Führungskaders dienen, bedeutete aber auch eine Überwachung des Privatlebens, jedes Kommen und Verlassen der Siedlung, jeder Besuch wurde registriert.
TC 18:04 – Die Honecker-Ära
Die Proteste von 1953, die Unruhen in Ungarn 1956, die anhaltenden wirtschaftlichen Probleme der DDR, die weiterhin massenhafte Abwanderung nach Westdeutschland … 1961 fiel der Beschluss, die Grenzen nach Westen zu schließen – mit einem sogenannten "antifaschistischen Schutzwall", der Berliner Mauer. Als Sicherheitssekretär konnte Erich Honecker sich nun als politischer Hardliner profilieren: Er plante und organisierte den Mauerbau und befürwortete den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze. Die Karriere der Honeckers ging steil nach oben. Beide wussten sich in den Machtkämpfen innerhalb der SED durchzusetzen. 1963 wurde Margot "Genossin Minister für Volksbildung" – wie es im DDR Jargon hieß.
O7 WOLLE 33'' Das war also nicht unbedingt jetzt eine Folge der hohen Positionen, die ihr Mann hatte. Das war durchaus eine eigenständige politische Karriere, die sie da eingenommen hat seit 1963, war ein Teil einer sehr entschiedenen Modernisierung der Volksbildung, hatte zwar formal nicht die entsprechende Qualifikation: Sie hatte ja bloß die Volksschule besucht. Aber das machte in der DDR nichts. Wenn man die rechte politische Einstellung hatte, da konnte man über formale Qualifikationen sich hinwegsetzen.
ERZÄHLERIN: Als Margot Honecker das Ministeramt übernahm, war sie Mitte 30 und brachte mit ihrem lockeren und angenehmen Führungsstil aus der Jugendarbeit frischen Wind ins Ministerium. Sie arbeitete intensiv und war kompetent. Unter ihrer Leitung wurde das Konzept der polytechnischen Bildung umgesetzt, ausgerichtet auf naturwissenschaftliche und technische Fächer, kombiniert mit einer Ausbildung. Währenddessen baute Erich Honecker seine Machtbasis aus und putschte sich mit sowjetischer Unterstützung 1971 an die Macht. Er zwang Walter Ulbricht zum Rücktritt, übernahm selbst zuerst die Funktion des Parteichefs, später dann auch die des Staatschefs.
O8 WOLLE 41'' Er hatte also alle Zügel der Macht in der Hand. Und die Jahre von 71 bis 89, die kann man mit Fug und Recht sozusagen als die Honecker-Ära bezeichnen, die bestimmte Charakteristika aufweist. Da ist zunächst zu nennen, eine noch engere Anschließung an die Sowjetunion, eine Wirtschaftspolitik, die sehr regressiv war. In dem Sinne, dass die mittelständischen Unternehmen, die es noch gegeben hat in der DDR und die auch noch eine große Rolle gespielt haben, eine positive Rolle. Die wurden ohne Not verstaatlicht, ziemlich gewaltsam, und mit sehr negativen Folgen für die ökonomische Situation der DDR.
ERZÄHLERIN: Warum Erich Honecker das getan hat, ist umstritten. Er wollte wohl die Reste des kapitalistischen Systems beseitigen, während er gleichzeitig für soziale Verbesserungen sorgte, die allerdings nicht gegenfinanziert waren: höhere Löhne, höhere Renten, kürzere Arbeitszeiten. Ein kleiner kulturpolitischer Frühling endete 1976 mit der Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann und zerschlug die Hoffnungen auf eine gesellschaftliche Öffnung der DDR. Während in allen Bereichen Mangelwirtschaft herrschte, lebte die Führungselite abgeschottet in Wandlitz, politisch starrsinnig, misstrauisch gegenüber der eigenen Bevölkerung, misstrauisch auch einander gegenüber. Private Kontakte zwischen den Politbüromitgliedern gab es kaum. Die Staatssicherheit überwachte zeitweise sogar Margot Honecker. Es gab Gerüchte über Affären. Die Ehe der Honeckers kriselte, aber politisch waren sie sich immer einig. Die Reformpolitik von Michail Gorbatschow, der seit 1985 sowjetischer Parteichef war, lehnten beide ab, politisch und emotional immer noch Stalin verbunden, blind für dessen Verbrechen, blind auch für die Realität im eigenen Land. Margots Ministerium für Volksbildung entwickelte sich zu einer Hochburg der Reformverweigerer, während die Bevölkerung der DDR mit zunehmender Lautstärke protestierte. Der Historiker Stefan Wolle:
O9 WOLLE 21'' 1989, als dann Gorbatschow hier in Berlin auftauchte und die sinnreichen Worte sprach: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben – hat er so nicht gesagt, aber es ist so sprichwörtlich geworden in der falschen Übersetzung, die dann verbreitet wurde. Das war sozusagen das Todesurteil für das Honecker-System.
MUSIK
ERZÄHLERIN: Am 17. Oktober 1989 trat Erich Honecker zurück, einige Tage später seine Frau Margot. Die beiden verbrachten ihr Lebensende in Santiago de Chile. Erich Honecker starb 1994, seine Frau Margot 2016.
(Version mit Zusp.:) O-Ton Margot Honecker W0394272 "Ich bin auch immer mehr der Meinung, dass wir da ein Korn in die Erde gelegt haben, da wird der Samen aufgehen. Es war nicht umsonst, dass die DDR existiert hat."
MUSIK
ERZÄHLERIN: Bis zum Schluss vertrat Margot Honecker in seltenen Interviews immer wieder die Meinung, dass der Sozialismus wiederkomme.
Es begann mit Diskriminierungen und endete in der Ermordung. Über Jahre hinweg betrieb das NS-Regime die Ausgrenzung der jüdischen Deutschen, isolierte sie gesellschaftlich, vernichtete sie wirtschaftlich, deportierte sie dann während des Zweiten Weltkrieges in den besetzten Osten und ermordete sie dort. Am 27. Januar ist der internationale Holocaust-Gedenktag. Autorin: Renate Eichmeier (BR 2021)
Credits Autor/in dieser Folge: Renate Eichmeier Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Katja Amberger, Burchard Dabinnus Technik: Daniela Röder Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Ernst Grube (Zeitzeuge), Dr. Edith Raim (Historikerin)
Linktipps:
ARD alpha (2023): Was ist der Holocaust?
Was ist der Holocaust und wie konnte es dazu kommen? JETZT ANSEHEN
Deutschlandfunk (2021): 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – „Eine einseitige Liebeserklärung“
Aus dem Jahr 321 stammt der erste Beleg für eine jüdische Gemeinde im heutigen Deutschland. Für Jüdinnen und Juden ist das ein Anlass zum Feiern und zum Erinnern. Ein Grund zum Jubeln sei das Jubiläum aber nicht: zu traurig sei die jüdisch-deutsche Geschichte – und oft auch die Gegenwart. ZUM BEITRAG
BR: Die Rückkehr der Namen
Mit dem Projekt "Die Rückkehr der Namen" will der Bayerische Rundfunk mit Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München an 1.000 Münchnerinnen und Münchner aus allen Opfergruppen erinnern, die während des NS-Regimes verfolgt, entmenschlicht und ermordet wurden. Zum Erinnerungsprojekt geht es HIER. Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
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Timecodes (TC) zu dieser Folge:
TC 00:15 – Intro TC 01:40 – Die Anfänge der Rassenpolitik TC 04:30 – Raub der Existenzgrundlage TC 06:48 – Das Schicksal vom Überlebenden Ernst Grube TC 08:41 – Auftakt des Holocaust TC 10:46 – Ausgestoßen aus Gesellschaft und Wirtschaft TC 11:47 – Das grausame System TC 18:55 – Massenmorde TC 22:48 - Outro
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
TC 00:15 – Intro
MUSIK Nostalgia motif 1 M0010633 037 (0.50)
O1 Ernst Grube Und die Grundsatzfrage war, werden wir uns wiedersehen. Immer wieder: Werden wir uns wiedersehen, ohne mehr zu wissen. Aber wir hatten natürlich über die Ausgrenzungserlebnisse schon erfahren, dass man uns nicht wollte.
ERZÄHLERIN: Ernst Grube war 8 Jahre alt und lebte in einem jüdischen Kinderheim in München, als die nationalsozialistischen Machthaber 1941 begannen, jüdische Deutsche Richtung Osten zu verschleppen – in die Gebiete, die sie seit Beginn des Zweiten Weltkrieges besetzt hatten. Aus München ging am 20. November die erste Deportation weg. Am Güterbahnhof im Stadtteil Milbertshofen wurden etwa 1000 Menschen unter dem Vorwand der "Evakuierung" in einem Zug abtransportiert. Unter ihnen auch Kinder aus dem jüdischen Kinderheim, Spielkameraden von Ernst Grube.
O2 Ernst Grube Es war eine Zeit der der Trauer, und wir haben also nicht gewusst, wo es hingeht. Und wir haben nicht gewusst, ob wir uns wiedersehen werden, und wir haben nach dem Krieg erfahren, dass sie alle fünf Tage nach der Deportation in Kaunas, Litauen, umgebracht wurden.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.20)
TC 01:40 – Die Anfänge der Rassenpolitik
ERZÄHLERIN: Sofort nach der Machtübernahme 1933 begannen die Nationalsozialisten mit der Abschaffung der Weimarer Demokratie, der Errichtung von Konzentrationslagern, der Verfolgung von politisch Andersdenkenden und der Umsetzung ihrer Rassenpolitik. Über Zeitungen, Radio, Kinofilme propagierten sie das Feindbild der "jüdischen Rasse", des "niederträchtigen Juden", der die nichtjüdische, die sogenannte "arische Volksgemeinschaft" unterwandern, ausbeuten, zerstören wolle. Angehörige der jüdischen Gemeinden wurden per Volkszählung erfasst, jüdische Geschäftsleute durch Boykottaufrufe und Schlägertrupps der SS und SA terrorisiert, jüdische Beamte aus dem Staatsdienst gedrängt.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.27)
SPRECHER: Juden, so hieß es in den Nürnberger Gesetzen von 1935, haben kein Stimmrecht mehr in politischen Angelegenheiten, dürfen keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden, sie dürfen Nichtjuden nicht heiraten und auch keine sexuellen Beziehungen mit ihnen haben.
ERZÄHLERIN: Die Nürnberger Gesetze lieferten eine diffuse Theorie, welche Menschen in der NS Ideologie als Juden galten. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Anzahl der jüdischen Großeltern. Die Betroffenen gerieten ins Visier der Nationalsozialisten als sogenannte Voll-, Dreiviertel-, Halb- oder Vierteljuden, Mischlinge 1. oder 2. Grades … Mit einer Vielzahl von antisemitischen Gesetzen und Verordnungen schufen die Nationalsozialisten eine pseudolegale Basis für die schrittweise Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus vielen Lebensbereichen.
MUSIK Structor Part 1 C1524640 (1.00)
ERZÄHLERIN Auf immer mehr Parkbänken fanden sich Schilder "Nur für Arier" und an immer mehr Eingängen von Geschäften oder Restaurants: "Juden unerwünscht". Jüdische Kinder wurden aus öffentlichen Schulen rausgemobbt. Jüdischen Ärzten und Juristen die Berufsausübung erschwert. Jüdische Geschäftsleute wurden zum Billig-Verkauf ihrer Firmen gezwungen. Diese Verdrängung der jüdischen Bevölkerung nannte sich im NS-Jargon "Arisierung", abgeleitet von dem Begriff "Arier", und ging in der Regel einher mit materiellen Vorteilen für die nichtjüdischen Deutschen – so die Historikerin Edith Raim, die sich intensiv mit der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in NS-Deutschland auseinandergesetzt hat.
O3 Edith Raim Das ist teilweise 'ne Maßnahme der Partei, teilweise ist's auch staatlich gelenkt, und teilweise geht es auch von privaten Initiativen im Grunde aus, also dass bestimmte, besonders attraktive Grundstücke oder Geschäfte oder sowas, dass da einfach die Juden unter Druck gesetzt werden, dass die diese Sachen verkaufen.
TC 04:30 – Raub der Existenzgrundlage
ERZÄHLERIN: Viele wanderten aus. Denjenigen, die blieben oder bleiben mussten, wurde Schritt für Schritt die Existenzgrundlage entzogen. Im April 1938 bereiteten die Nationalsozialisten mit der systematischen Erfassung der jüdischen Vermögen die späteren flächendeckenden Enteignungen vor.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.30)
SPRECHER: Jeder Jude im Sinne der 1. Verordnung zum Reichsbürgergesetz – also der sogenannten Nürnberger Gesetze – und ebenso sein nichtjüdischer Ehegatte habe sein gesamtes in- und ausländisches Vermögen anzumelden, hieß es in der "Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden". Ausgenommen seien Gegenstände des persönlichen Gebrauches, die keine Luxusgüter seien.
MUSIK Tango defect 1 C1482730 024 (0.40)
ERZÄHLERIN: Anfang Juni 1938 riss die Baufirma Leonhard Moll die Münchner Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße im Stadtzentrum ab. Der neuromanische Prachtbau war Ende des 19. Jahrhunderts mit Unterstützung des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. in der Nähe des Karlsplatzes errichtet worden. Offiziell wurde der Abbruch als städtebauliche Maßnahme begründet. Die jüdische Gemeinde musste die Synagoge und die angrenzenden Verwaltungs- und Wohngebäude gegen Zahlung einer Entschädigung der Stadt München überlassen. Allen Mietern der Wohngebäude wurde gekündigt. Sie mussten ausziehen. Auch Ernst Grube lebte mit seinen Eltern und seinen Geschwistern in einem der Gebäude, die der jüdischen Gemeinde gehörten.
O4 Ernst Grube Nur bei uns war das so, dass eben der Vater nicht gegangen ist, dass er sich um die Kündigung also nun nicht so gekümmert hat und gesagt hat, ich bleib drin, ich geh nicht raus, die sollen uns eine Wohnung geben, so dass wir nach wenigen Wochen die einzigen waren, die in diesen zwei Häusern noch gewohnt hatten. Wir hatten damals 'ne Drei- oder Vierzimmerwohnung und man hat uns dann Licht gesperrt, Gas gesperrt, Wasser gesperrt. Und diese Situation war natürlich nicht haltbar, so dass uns dann die Eltern in das Kinderheim in München Schwabing gebracht haben.
TC 06:48 – Das Schicksal vom Überlebenden Ernst Grube
ERZÄHLERIN: Ernst Grube war damals sechs Jahre, sein Bruder Werner acht und die kleine Ruth nur ein paar Monate alt. Der Vater kam aus Ostpreußen und war überzeugter Kommunist. Die Mutter stammte aus einer jüdischen Familie und arbeitete im jüdischen Krankenhaus in München – so dass das jüdische Kinderheim eine naheliegende Lösung für das Wohnproblem war.
O5 Ernst Grube Es war ein schönes Heim mit einem Garten und mit einer guten Betreuung. Und das eigentlich wichtige ist das Kennenlernen jüdischen Lebens. Bei uns zuhause gab es das nicht. Die Mutter hat zwar gebetet, hat ihre Feste gefeiert und ihre Kerzen angezündet und wir standen so ein bisschen rum. Aber das war kein jüdisches Familienleben. Der Vater war von seiner Einstellung her Kommunist. Er hat das alles zwar sehr toleriert, aber jüdisches Leben, das war dann im Kinderheim.
ERZÄHLERIN: Für die drei Geschwister begann eine schöne Zeit. Sie waren gut versorgt und lernten die jüdischen Feste kennen, Chanukka, Pessach, Purim, Laubhüttenfest. Und sie mochten ihre Betreuerinnen sehr gerne.
O6 Ernst Grube Ich hab sie so positiv in Erinnerung, ohne dass ich jetzt die einzelnen Namen heute noch nennen kann, außer der Alice Bendix, der Leiterin, und der Hedwig Jacobi. Sie waren einfach immer da und haben uns geholfen, als wir außerhalb des Heimes von Nachbarskindern öfters angepöbelt wurden, angeschrien wurden, als Judensau beschimpft. Sie haben das ganz super verstanden, uns darüber hinweg zu helfen.
MUSIK Structor Part 1 C1524640 011 (0.40)
TC 08:41 – Auftakt des Holocaust
ERZÄHLERIN: Kurz nachdem Ernst Grube und seine Geschwister in das jüdische Kinderheim gekommen waren, brannten deutschlandweit Hunderte von Synagogen. Ende Oktober 1938 hatten die NS Machthaber polnische Juden aus dem Reichsgebiet abgeschoben, unter ihnen die Familie von Herschel Grynszpan, der daraufhin einen deutschen Diplomaten in Paris erschoss. Dieses Attentat diente als Vorwand für Gewaltaktionen im ganzen Land, organisiert von der NS Führung, getarnt als spontaner Ausbruch des Volkszorns gegen die jüdischen Nachbarn: In Zivil gekleidete Mitglieder von NS Organisationen zerstörten Synagogen, jüdische Geschäfte, Wohnungen, verprügelten die Bewohner, töteten viele und verschleppten Tausende in Konzentrationslager. Die Historikerin Edith Raim zur Bedeutung des inszenierten Gewaltausbruches.
O7 Edith Raim Die Pogromnacht vom November 1938 ist der Auftakt eigentlich des Holocaust, weil es der Schritt in die Gewalt ist. Also vorher sind es Maßnahmen, Verordnungen, Gesetze, der Versuch, einfach die Juden aus Deutschland zu vertreiben. Es hat – das muss man auch sagen – bereits vorher natürlich gewalttätige Maßnahmen gegeben. Also es gibt, diese sogenannten Prangermärsche, wo zum Beispiel Juden, die Beziehungen zu nichtjüdischen Frauen, hatten durch den Ort geführt worden sind, geschlagen, bespuckt und verhaftet worden sind. Die Gewalt hat's natürlich vor 1938 auch gegeben, aber diese massive und umfassende Gewalt reichsweit – das ist wirklich was ganz ganz Neues gewesen.
ERZÄHLERIN: Viele der jüdischen Männer, die in der Pogromnacht in Konzentrationslager gebracht wurden, überlebten die Haft nicht, andere kamen erst frei, nachdem sie eine Auswanderungserklärung unterschrieben hatten. Die Kosten für die Schäden der Novemberpogrome musste die jüdische Bevölkerung selbst übernehmen und eine Geldbuße in Höhe von einer Milliarde Reichsmark leisten. Die jüdischen Vermögen waren ja bereits im Frühjahr 1938 qua Gesetz erfasst worden. Nun mussten alle, die mehr als 5000 Reichsmark besaßen, 20 Prozent davon an ihr Finanzamt abführen. Wieder gab es eine Flut von diskriminierenden Regelungen.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.35)
TC 10:46 – Ausgestoßen aus Gesellschaft und Wirtschaft
SPRECHER Eine der wichtigsten war die sogenannte "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben" vom 12. November 1938. Juden durften keinen Handel, kein Handwerk, kein Gewerbe mehr treiben. Sie durften keine Theater, Museen, Kinos, Freibäder und sonstige öffentliche Einrichtungen mehr betreten. Jüdische Kinder durften keine öffentlichen Schulen mehr besuchen. Juden durften keine Autos mehr besitzen und keinen Führerschein mehr haben.
O8 Edith Raim Und es gibt noch jede Menge Schikanen, die dann da kommen. Also die dürfen dann keine Fotoapparate mehr, keine Radio Apparate und so weiter, sogar Fahrräder, dürfen sie nicht mehr haben, Führerscheine nicht mehr haben. Und ab dem 1.1.1939 werden sie gezwungen, diese Zwangsvornamen anzunehmen, also Israel und Sarah, und das wird auch in die Pässe vermerkt. Also sie sind sozusagen damit als Juden gekennzeichnet.
MUSIK Scarfaced C1568790 120 (1.05)
TC 11:47 – Das grausame System
ERZÄHLERIN: Anfang September 1939 begann die NS Diktatur mit dem Einmarsch in Polen den Zweiten Weltkrieg, einen rassenideologischen Vernichtungskrieg – mit dem Ziel, die osteuropäischen Gebiete bis zum Ural zu erobern, dort sogenannte "arische" Deutsche anzusiedeln, die einheimische slawische Bevölkerung teils zu vertreiben, teils zu versklaven oder zu töten und die jüdische Bevölkerung auszulöschen. Dazu wurde in Berlin das Reichssicherheitshauptamt gegründet, in dem nachrichten- und sicherheitsdienstliche Organisationen von SS, Gestapo und Kripo zusammengeführt wurden. Dieses RSHA stellte ideologisch geschulte Spezialeinheiten auf, sogenannte Einsatzgruppen, die in den besetzten Gebieten Führungseliten und Widerstandsgruppen verfolgten, die jüdische Bevölkerung in Ghettos zwangen und verantwortlich für Massenmorde waren. Währenddessen spitzte sich die Situation der jüdischen Deutschen im Reichsgebiet bedrohlich zu.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.25)
SPRECHER: Für die in München noch ansässigen Juden würden zur Zeit in Milbertshofen Baracken gebaut, schrieb im Oktober 1941 der Münchner Stadtrat Harbers in einem Bericht betreffend "Umsiedlung der hiesigen Juden". Damit würden dann rund 300 Wohnungen frei, die an Wohnungssuchende vergeben werden könnten.
ERZÄHLERIN: Bereits ab Mai 1939 hatten die Nationalsozialisten die Vertreibung der Juden aus ihren Wohnungen und Häusern gesetzlich vorbereitet und betrieben. NS Organisationen wie die Gestapo arbeiteten dabei eng mit den örtlichen Wohnungsämtern zusammen. Tausende Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen, in engen Sammelunterkünften hausen, ab Mitte September 1941 schließlich den Gelben Stern tragen. Zum Teil waren die Menschen in normalen Wohnhäusern zusammengepfercht, die im NS Verwaltungsapparat "Judenhäuser" hießen. Teilweise wurden auch größere Anlagen von jüdischen Gemeinden wie Altersheime oder Synagogen umfunktioniert und teilweise wurden auch Barackenlager wie im Münchner Stadtteil Milbertshofen gebaut. Die jüdische Bevölkerung war sozial völlig isoliert. Den Deportationen stand nichts mehr im Wege. Sie wurden zentral vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin organisiert.
O9 Edith Raim Und vor Ort ist es dann jeweils die Gestapo, die die Federführung bei den Deportationen hat. Gleichzeitig sind die Deportationen ein wahnsinnig arbeitsteiliger Prozess. Also, man kann nicht sagen: ja, die Gestapo organisiert jetzt alles, sondern das sind natürlich Dutzende von Ämtern beteiligt: Steuerbehörden, Finanzämter und teilweise natürlich auch der Zoll, die Reichsbahn. Also, es kommen sehr viele andere Behörden mit ins Spiel, die benötigt werden.
ERZÄHLERIN: Auf Anweisung der Gestapo mussten die jüdischen Gemeinden Listen mit den Namen der Menschen erstellen, die unter dem Vorwand der "Evakuierung" oder "Umsiedlung" abtransportiert werden sollten – und die Betroffenen dann auch darüber informieren.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.45)
SPRECHER: Unter dem Betreff "Evakuierung" informierte die Israelitische Kultusgemeinde München im Vorfeld der ersten Deportation im November 1941 die Betroffenen brieflich darüber, dass zufolge einer Anordnung der Geheimen Staatspolizei die Personen, die zum Transport eingeteilt worden sind, sich in ihren Unterkünften bereitzuhalten hätten. Jeder Versuch, sich der Umsiedlung zu widersetzen oder zu entziehen, sei zwecklos und könne für die Betroffenen schwere Folgen haben. Jeder Transportteilnehmer darf 50 Kilogramm Gepäck mitnehmen, Kleidung und Bedarfsgegenstände. Außerdem muss jeder ein ausgefülltes Vermögensverzeichnis mitbringen.
ERZÄHLERIN: Das Barackenlager in Milbertshofen diente als Sammelunterkunft. Es lag in unmittelbarer Nachbarschaft der Siedlung am Hart, wurde unter Beteiligung von jüdischen Zwangsarbeitern errichtet, bestand aus zwölf großen und sechs kleinen Holzbaracken und war für etwa 800 Personen geplant, hatte aber zeitweise weit über 1000 Insassen.
MUSIK Tango defect 2 C1482730 025 (1.10)
ERZÄHLERIN Wenige Wochen vor der ersten Deportation aus München wurden alle Betroffenen, die noch nicht im Lager waren, aus ihren Unterkünften nach Milbertshofen gebracht. Alle wurden bei Ankunft durchsucht, nicht erlaubte Gegenstände wurden abgenommen, ebenso Ausweispapiere und Lebensmittelmarken. Jeder musste 50 Reichsmark für die Transportkosten bar bezahlen. Der Rest des Bargeldes musste mit eventuell vorhandenen Wertpapieren, Depotscheinen abgegeben werden, ebenso Vermögenserklärungen, Formulare, in denen detailliert Auskunft über Vermögens- und Besitzverhältnisse verlangt wurde. Damit waren alle Unterlagen für eine spätere Enteignung komplett. Vom Güterbahnhof in Milbertshofen aus wurden dann in den frühen Morgenstunden des 20. November 1941 etwa tausend Menschen in die besetzten Ostgebiete gebracht – unter ihnen auch Kinder aus dem jüdischen Kinderheim in Schwabing. Sie wurden direkt mit dem Bus zum Bahnhof gebracht. Ernst Grube erinnert sich.
O10 Ernst Grube In dem Heim waren etwa 40, 50 Kinder, Jugendliche, und davon sind, ich weiß nicht, wieviel, aber so ein gutes Drittel, wenn nicht mehr auf Transport gekommen. Wir wussten natürlich nicht, was das sollte und wohin das ging. Aber allein dieser Zwang der Trennung. Wir haben alle geweint.
ERZÄHLERIN: "Verzogen, unbekannt wohin" vermerkten die Einwohnermeldeämter in den Akten der Deportierten. Mit dem Abtransport in die besetzten Ostgebiete wurde die 11. Verordnung des Reichsbürgergesetzes wirksam.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.15)
SPRECHER: Diese besagte: Juden verlieren die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn sie das Reichsgebiet verlassen. Eigentum und Vermögen fällt an das Deutsche Reich.
ERZÄHLERIN: Es waren die Oberfinanzpräsidien, die mit der „Verwaltung und Verwertung jüdischen Eigentums“ beauftragt wurden. So die Sprache der NS-Bürokratie. Alle Bankkonten und alle Wertpapierdepots wurden zugunsten des Reiches eingezogen ebenso Wertgegenstände wie Schmuck, Teppiche oder Gemälde, die dann bei öffentlichen Versteigerungen unters Volk gebracht wurden. Dazu Edith Raim.
O11 Edith Raim 25'' Also man hat dann zum Beispiel Mobiliar von Wohnungen genommen, und es wurde dann auf Auktionen versteigert, also der ganze Hausrat, also Töpfe und Geschirr, und was man sich alles an Trivialitäten noch vorstellen mag, das wurde alles versteigert zugunsten des Reiches, und das Interessante ist das natürlich, da viele viele Deutsche sich daran auch bereichert haben, also das war so ein bisschen 'ne Schnäppchenjagd.
MUSIK Scarfaced C1568790 120 (0.55)
TC 18:55 – Massenmorde
ERZÄHLERIN: Die erste Deportation aus München sollte ins lettische Riga gehen, wurde aber kurzfristig umgeleitet in die litauische Stadt Kaunas. Dort hatte der SS-Standartenführer Karl Jäger als Führer des Einsatzkommandos 3 im Juli 1941 die sogenannten „sicherheitspolizeilichen Aufgaben“ übernommen. Mit Hilfe von einheimischen Kollaborateuren waren bis November 1941 bereits Tausende von litauischen Juden ermordet worden. Nach ihrer Ankunft mussten die aus München Deportierten in ein Fort aus der Zarenzeit marschieren, das etwas außerhalb der Stadt lag. Zwei Tage später wurden sie dort zusammen mit Deportierten aus Berlin und Frankfurt am Main von Angehörigen des Einsatzkommandos 3 ermordet.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.35)
SPRECHER: Die Durchführung solcher Aktionen sei in erster Linie eine Organisationsfrage, schrieb SS Standartenführer Karl Jäger am 1. Dezember 1941 in seinem Abschlussbericht. Die Juden mussten an einem Ort gesammelt, Plätze für die erforderlichen Gruben ausgesucht und ausgehoben und die Juden an den Exekutionsplatz transportiert werden.
ERZÄHLERIN: Auf sechs Seiten präsentierte Karl Jäger eine brutale Todesbilanz. Er listete alle Massenmorde tabellarisch auf: Datum, Ort, Anzahl der ermordeten Männer, Frauen und Kinder, schließlich Gesamtzahl der Ermordeten. Unter Monat November sind die Männer, Frauen und Kinder erfasst, die bei der ersten Deportation aus München verschleppt wurden.
MUSIK Prisma CD847090 001 (0.25)
SPRECHER: Am 25.11.41 sind unter Kaunas, Fort IX – 1159 Juden aufgeführt, 1600 Jüdinnen, 175 Judenkinder – insgesamt 2934 Umsiedler aus Berlin, München und Frankfurt am Main.
ERZÄHLERIN: Die deutschen Besatzer bauten in den Ostgebieten ein dichtes Netz an Lagern auf: Ghettos, Arbeitslager, Durchgangslager, Vernichtungslager … Die meisten der deportierten Deutschen wurden bei Ankunft im Osten nicht sofort getötet, sondern kamen zuerst in Arbeitslager oder Ghettos, wo sie gemeinsam mit der ostjüdischen Bevölkerung und Deportierten aus ganz Europa auf engstem Raum eingesperrt waren. Wer die schlechten Lebensbedingungen überlebte, wurde später in Vernichtungslager gebracht wie Sobibor, Treblinka oder Auschwitz – und dort ermordet. Bei der zweiten Deportation aus München im April 1942 wurden 774 Menschen ins ostpolnische Piaski verschleppt, einem ehemaligen jüdischen Schtetl, das in ein Ghetto umfunktioniert worden war. Auch von ihnen hat keiner überlebt. Während der nächsten Jahre gingen noch 42 Deportationen aus München weg, die meisten von ihnen ins tschechische Theresienstadt. Ernst Grube und seine Geschwister blieben lange von der Deportation verschont.
MUSIK Nostalgia motif 1 M0010633 037 (0.50)
O12 Ernst Grube Der Vater als Nichtjude war für uns die Garantie, die vorläufige Garantie des Überlebens. Er hat sich nicht scheiden lassen. Er hat dem Druck standgehalten, den er immer wieder hatte, von der Gestapo durch Vorladung, sich doch von der Saujüdin scheiden zu lassen. Er hat das nicht gemacht.
ERZÄHLERIN: Trotzdem wurden die Kinder mit ihrer Mutter im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Sie haben überlebt und kehrten nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach München zurück.
In der islamischen Welt wurde die jüdische Bevölkerung benachteiligt, aber nicht verfolgt. Im 19. Jahrhundert brachten die Europäer ihre aggressive Judenfeindschaft in den Orient. Arabische Nationalisten griffen sie auf. Und ihr Führer Amin al-Husseini, Anhänger von Adolf Hitler, machte den Antisemitismus des NS im Islam gesellschaftsfähig. (BR 2022)
Autorin: Renate Eichmeier
Credits Autor/in dieser Folge: Renate Eichmeier Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann Technik: Daniela Röder Redaktion: Thomas Morawetz
Programmschwerpunkt im BR: 75 Jahre Staatsgründung Israel Am 14. Mai jährt sich die Staatsgründung Israels zum 75. Mal. Der Bayerische Rundfunk widmet dem Jubiläum in den Wochen vor dem Jahrestag einen Programmschwerpunkt im BR Fernsehen, in ARD alpha, im Hörfunk und online. Dokumentationen und Reportagen, aktuell produzierte Gespräche, ein Podcast, Radio-Features und weitere Sendungen zeichnen ein facettenreiches Bild von Geschichte und Gegenwart des Vielvölkerstaates. MEHR INFOS
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:
Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATTerzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
Weitere Folgen zur Staffel
DIE GRÜNDUNG ISRAELS - Von der Idee zum Staat JETZT ANHÖREN
DIE GRÜNDUNG ISRAELS - Das Wiedergutmachungsabkommen JETZT ANHÖREN
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
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Weite Landstriche verarmten, Hungersnöte wüteten, Aufstände drohten: Ab dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts kam es in den deutschen Territorialstaaten zu einer massenhaften Verelendung vor allem in den ländlichen Gebieten. Schon die Zeitgenossen nannten diese Verelendung Pauperismus. (BR 2019)
Was ist Armut? Weltweit leben über 700 Millionen Menschen in extremer Armut. Wie wird "extreme" Armut definiert? Wann gilt ein Mensch als armutsgefährdet? Und wer ist besonders von Armut betroffen? Ein Erklärvideo von ARD alpha (3 min, online bis 18.11.2025): ARD alpha | Was ist Armut? JETZT ANSEHEN
Armut und Ausgrenzung In Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, gelten etwa 20 Prozent als arm oder sind von Armut bedroht. Betroffen sind auch viele Kinder und Jugendliche. RESPEKT fragt nach den Ursachen und zeigt die Folgen - für den Einzelnen und die Gesellschaft: RESPEKT kompakt auf ARD alpha (15 min, online bis 14.01.2025): ARD alpha | RESPEKT kompakt | Armut und Ausgrenzung JETZT ANSEHEN
Und hier noch ein besonderer Tipp: "Himmelfahrtskommando": War mein Vater ein Feigling? Immer wieder mussten er und seine Kameraden sich das anhören. Terroristen nehmen bei den Olympischen Spielen in München 11 israelische Sportler als Geiseln. Mein Vater und seine Kollegen sollen sie befreien. Aber kurz bevor es losgeht, brechen die Polizisten die Aktion ab und ziehen sich zurück. Das Olympia-Attentat endet in einer Katastrophe. Seitdem lässt meinen Vater eine Frage nicht los: Hat er eine Mitschuld am Tod der Geiseln? Gemeinsam gehen wir auf die Suche nach einer Antwort. EinBR-Podcast: Bayern 2 | Himmelfahrtskommando – Mein Vater und das Olympia-Attentat JETZT ANHÖREN
Info zum Podcast "Himmelfahrtskommando" auf BR24: BR24 | "Himmelfahrtskommando": Neue Erkenntnisse zu Olympia-Attentat ZUM ARTIKEL
Geschichtsbegeistert? … Dann geht es hier weiter: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
DAS KALENDERBLATTerzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN.
1932/33 herrschte in der Sowjetunion eine Hungersnot, die in der Ukraine Millionen Opfer forderte. Noch heute ist umstritten, inwieweit Stalin den Hungertod als politische Waffe gegen die renitenten Ukrainer benutzte. (BR 2019)
Zur Eskalation der Lage in der Ukraine empfehlen wir Ihnen auch noch diese Beiträge:
Johannes Grotzky, langjähriger Ost-Europa-Korrespondent des BR und der ARD lehrt heute an der Uni Bamberg Osteuropa-Wissenschaften. Für ihn erklärt sich Putins Handeln nicht einfach durch pure Machtpolitik:
Sondersendung am 22.02. zur russischen Invasion in die Ukraine: Holger Romann spricht mit unseren Korrespondenten in Moskau, Berlin, Brüssel und Washington sowie mit dem Politikwissenschaftler und sicherheitspolitischen Experten Prof. Christian Hacke:
Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Begeisterte:
Im Podcast „Tatort Geschichte“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun?
Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei radioWissen.
Fleisch von kranken Tieren, gestrecktes Mehl, gefälschte Gewürze - das alles gab es schon im Mittelalter. Scharfe Strafen vom Pranger bis hin zum Strang sollten abschreckend wirken. Lebensmittelskandale sind also keine Erscheinung der Moderne. Wo wachsende Bevölkerungen ernährt werden mussten, wie beim mittelalterlichen Wachstum der Städte, war schon immer Tür und Tor offen für "Fälscherei und Beschiss". (BR 2016)
Hochhäuser gab es schon in der Antike, aber die Geschichte der Wolkenkratzer begann erst im 19. Jahrhundert - mit der Erfindung des Fahrstuhls. Heute bestimmen sie die Skylines der Metropolen und stehen für wirtschaftliche und politische Macht.
(BR 2018)
Neuperlach, der Münchner Stadtteil vom Reißbrett polarisiert seit seiner Grundsteinlegung. Zu hässlich, zu anonym, zu monoton hieß es damals über das Quartier, das Ende der 60er-Jahre als Europas größte Wohnsiedlung als sozialer Wohnungsbau entstand. Auf dem Höhepunkt der Wohnungsnot sollten hier im boomenden Nachkriegsmünchen 80.000 Menschen eine neue Heimat finden. BR Fernsehen vom 10.07.2019
Wohnen ist für viele Menschen zu einem existentiellen Problem geworden. Gleichzeitig suchen viele nach individuellen Wohnmodellen. Doch oft scheitern Projekte an der Finanzierbarkeit. Wie viel Realität steckt also in diesen Utopien?
„Utopie und Realität - Vom guten Wohnen in Stadt und Land“, Artikel und Hörfunkbeitrag von Horst Konietzny
Bei Tatort Geschichte verlassen zwei Historiker von der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Hörsaal und reisen zurück zu spannenden Verbrechen aus der Vergangenheit. Jetzt hören. Eine mysteriöse Wasserleiche im Berliner Landwehrkanal, der junge Stalin als Anführer eines blutigen Raubüberfalls oder die Jagd nach einem Kriegsverbrecher um die halbe Welt. True Crime aus der Geschichte wird hier unterhaltsam besprochen. Im Fokus steht dabei die Frage, was das eigentlich mit uns heute zu tun hat. Tatort-Geschichte ist ein Podcast von Bayern 2 in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie.
Lebensmittelskandale sind keine Erscheinung der Moderne. Wo eine wachsende Bevölkerung ernährt werden muss, gab es schon immer "Fälscherei und Beschiss".
(BR 2016)