„Das ist so langweilig…“
Einmal in der Woche unterrichte ich jahrgangsstufenübergreifend ein Fach namens „Projekt Herausforderung“ – dabei sollen sich die Kinder einer selbstgewählten Herausforderung stellen und sie über ein halbes Jahr verfolgen.
Zu Beginn des Kurses habe ich mit den Jugendlichen der 9. und 10. Klasse ihre Interessen eruiert: Einige haben Hobbies, die sie gerne vertiefen, andere bereits ein konkretes Berufsziel vor Augen.
Zwei der Jungs wollen später im KFZ-Bereich arbeiten. Für den Kurs haben sie sich einen alten Rasenmäher-Motor organisiert und zerlegen ihn in Theorie und Praxis. Ihr Ziel ist, soviel von dem Aufbau zu verstehen, dass ein Bewerbungsgespräch in einer Werkstatt zum Selbstläufer wird. Für sie ist ist die Stunde jedesmal zu schnell vorbei.
Ein anderer Schüler möchte ein Klavierstück erlernen – und dies vielleicht auf der Zeugnisübergabe am Ende der Schullaufbahn spielen. Hier drehen zwei Schülerinnen einen Kurzfilm, dort erlernen drei Leute die Grundlagen des Programmierens.
Ursprünglich ging ich davon aus, dass die Jugendlichen mich mit verrückten Ideen überschwemmen würden: „Dinge, die ich schon immer mal machen/können/lernen wollte!“ Tatsächlich aber hatten viele von ihnen zu Beginn große Schwierigkeiten hatten, ein Thema zu finden.
Mein persönlicher Tiefpunkt heute: Eine Schülerin seufzt halblaut und jammert: „Das ist so langweilig.“
Ich finde diese Bewertung ganz spannend: Im Alltag werden wir (Kinder wie Erwachsene) die meiste Zeit über fremdbestimmt: Der Stundenplan gibt vor, was wann gelernt wird. Die Eltern entscheiden, was es zum Abendessen gibt. Und auch, wenn man Netflix guckt oder Computer spielt, wird einem das Denken und Entscheiden abgenommen: „Lehne dich zurück und konsumiere den Inhalt von anderen.“
Das macht das Fach „Projekt Herausforderung“ sehr viel anstrengender, als sich einige von ihnen das gewünscht hätten: Ich gebe keine Arbeitsblätter vor und auch keine Inhalte. Finde etwas, was dich wirklich interessiert und dann darfst du dich damit beschäftigen. Ein Lehrer unterstützt und besorgt z.T. sogar Material.
Ich bin beeindruckt davon, wie tief einige der Jugendlichen in ihr Themengebiet eintauchen – und ich bin gelinde amüsiert über jene, die das Fach als Qual empfinden und kaum in der Lage sind, etwas zu finden, was sie selbst interessiert. Tatsächlich glaube ich, dass es sogar wichtig ist, dieses Gefühl auszuhalten und sich – dann auch über mehrere Stunden – mit der Frage zu beschäftigen: „Was will ich eigentlich?“
Und wenn man sich selbst die Antwort schuldig bleibt, tut das erstmal weh.
Auf den Kern reduziert und in einfache Worte gekleidet haben wir einen Buchclub gegründet.
