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Lese-Ansicht

„Das ist so langweilig…“

Einmal in der Woche unterrichte ich jahrgangsstufenübergreifend ein Fach namens „Projekt Herausforderung“ – dabei sollen sich die Kinder einer selbstgewählten Herausforderung stellen und sie über ein halbes Jahr verfolgen.
Zu Beginn des Kurses habe ich mit den Jugendlichen der 9. und 10. Klasse ihre Interessen eruiert: Einige haben Hobbies, die sie gerne vertiefen, andere bereits ein konkretes Berufsziel vor Augen.

Zwei der Jungs wollen später im KFZ-Bereich arbeiten. Für den Kurs haben sie sich einen alten Rasenmäher-Motor organisiert und zerlegen ihn in Theorie und Praxis. Ihr Ziel ist, soviel von dem Aufbau zu verstehen, dass ein Bewerbungsgespräch in einer Werkstatt zum Selbstläufer wird. Für sie ist ist die Stunde jedesmal zu schnell vorbei.
Ein anderer Schüler möchte ein Klavierstück erlernen – und dies vielleicht auf der Zeugnisübergabe am Ende der Schullaufbahn spielen. Hier drehen zwei Schülerinnen einen Kurzfilm, dort erlernen drei Leute die Grundlagen des Programmierens.

Ursprünglich ging ich davon aus, dass die Jugendlichen mich mit verrückten Ideen überschwemmen würden: „Dinge, die ich schon immer mal machen/können/lernen wollte!“ Tatsächlich aber hatten viele von ihnen zu Beginn große Schwierigkeiten hatten, ein Thema zu finden.
Mein persönlicher Tiefpunkt heute: Eine Schülerin seufzt halblaut und jammert: „Das ist so langweilig.“

Ich finde diese Bewertung ganz spannend: Im Alltag werden wir (Kinder wie Erwachsene) die meiste Zeit über fremdbestimmt: Der Stundenplan gibt vor, was wann gelernt wird. Die Eltern entscheiden, was es zum Abendessen gibt. Und auch, wenn man Netflix guckt oder Computer spielt, wird einem das Denken und Entscheiden abgenommen: „Lehne dich zurück und konsumiere den Inhalt von anderen.“

Das macht das Fach „Projekt Herausforderung“ sehr viel anstrengender, als sich einige von ihnen das gewünscht hätten: Ich gebe keine Arbeitsblätter vor und auch keine Inhalte. Finde etwas, was dich wirklich interessiert und dann darfst du dich damit beschäftigen. Ein Lehrer unterstützt und besorgt z.T. sogar Material.

Ich bin beeindruckt davon, wie tief einige der Jugendlichen in ihr Themengebiet eintauchen – und ich bin gelinde amüsiert über jene, die das Fach als Qual empfinden und kaum in der Lage sind, etwas zu finden, was sie selbst interessiert. Tatsächlich glaube ich, dass es sogar wichtig ist, dieses Gefühl auszuhalten und sich – dann auch über mehrere Stunden – mit der Frage zu beschäftigen: „Was will ich eigentlich?“

Und wenn man sich selbst die Antwort schuldig bleibt, tut das erstmal weh.

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Ein Buchclub in der Schulleitung

Ende September sind wir als Schulleitung für einen Vormittag in Klausur gegangen.

Ich mag diesen uralten Ausdruck, vom lateinischen clausura (Verschluss) entspringend und ursprünglich den abgeschlossenen Teil eines Klosters bezeichnend. Passend dazu mieten wir uns stets die Gemeinderäume einer Kirche in der Stadt an. So sind wir nah genug, um im Notfall binnen fünfzehn Minuten in der Schule zu sein und gleichzeitig weit genug entfernt, um nicht ins Alltagsgeschäft gezogen zu werden.

Als wir am späten Mittag unsere Sachen packten und aufräumten, haben wir festgestellt, wie schnell doch die Zeit verstrichen ist – immer ein Zeichen für die Notwendigkeit einer solchen Tagung. Schon mit einem Bein auf dem Parkplatz sprachen wir noch über einen letzten Punkt: Fort- und Weiterbildung für uns als Team.

Ein Buchclub in der Schulleitung 2Auf den Kern reduziert und in einfache Worte gekleidet haben wir einen Buchclub gegründet.

Die Ferienlektüre für uns hieß: „Shackletons Führungskunst“ von Margot Morrell und Stephanie Capparell über den (chronisch erfolglosen) Antarktik-Forscher Ernest Shackleton. Mit Schiff und Crew über Monate im ewigen Eis eingeschlossen, schaffte er es, dass die Männer sich nicht die Köpfe einschlugen, nicht missmutig oder zynisch wurden und am Schluss alle gerettetet wurden.

Ich habe das Buch vor zehn oder zwölf Jahren gelesen und es ist mir in bleibender Erinnerung geblieben. Auch im zweiten Durchgang mochte ich es. In den kommenden Wochen werden wir uns als Schulleitung Zeit nehmen, uns darüber auszutauschen. Welche Aspekte sind uns aufgefallen? Welche passen zu uns? Welche Prinzipien lassen sich auf unsere Schule übertragen?

Außerdem in den Ferien gelesen: „Other Mommy“ von Josh Malerman. Ein gruseliges Buch, aus der Sicht des Kindes geschrieben, das mit einem Monster im Schrank spricht: Der ‚anderen Mommy‘. Schaurig und unerwartet. Aber auch Trash-Literatur. Nun… zumindest komme ich wieder ans Lesen.

Gehört habe ich dagegen zuletzt jede Menge: ‚Sara‘ von Stephen King und ‚So was wie Freunde‘ von Bella Osborne und gerade aktuell „The Traveler“ von Joseph Eckert: Ein Mann springt in der Zeit vorwärts. Erst einen Tag, dann zwei, dann vier. Die übersprungenen Tage verdoppeln sich und ich bin gespannt, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt. Bisher gefällt es mir ganz gut.

Dazu noch ein bisschen Technik für die Nerds unter den Leser*innen: Meine Hörbücher organisiere ich inzwischen mit der freien Software ‚Audiobookshelf‚ und bin damit mehr als glücklich. So, wie man sich mit Plex (bzw. Jellyfin) sein eigenes Netflix bauen kann, kann man mit Audiobookshelf sein privates Audible basteln. Die Einrichtung war deutlich einfacher, als gedacht und ich kann zu Hause meine Hörbücher mit jedem beliebigen Device fortsetzen. Auch ohne Abo. Perfekt!

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Work hard, play hard.

Die kommenden zwei Wochen verbringt meine 9. Klasse im Praktikum, danach beginnen in NRW die Herbstferien. Die vergangenen Wochen waren für die Schüler*innen einigermaßen intensiv: Innerhalb von vier Wochen musste die erste Klausurphase angegangen und überstanden werden – wer dann noch eine Woche wegen Erkältung verpasst hat, musste ganz schön ackern.

Meine Co und ich sind uns in vielen Dingen ziemlich ähnlich: Wir schenken unseren Kindern so viel Freiraum und Vertrauen wie möglich und werden gleichzeit schnell aktiv, wenn Regeln verletzt oder Absprachen nicht eingehalten werden.

Positiv überrascht hat uns, dass sich die gute Laune und Leistungsbereitschaft aus dem letzten Schuljahr über die Sommerferien hinweg gehalten hat. Um das zu feiern, haben meine Co und ich heute den Stundenplan umgeworfen und uns selbst in die letzte Stunde gesetzt. Wir haben uns, eine Dreiviertelstunde vor dem verdienten Wochenende, ausführlich für die vergangenen Wochen bedankt und ausgedrückt, wie viel Freude uns der Unterricht mit ihnen bereitet. Um das ganze ein wenig zu feiern, haben wir drei große Partypizzen bestellt und mit der Klasse die Füße hochgelegt: Bei Sonnenschein und bestem Wetter wurde Basketball gespielt, letzte Details fürs Praktikum bequatscht und Gruppen-Selfies gemacht.

Ich selbst bin ein bisschen wehmütig geworden, denn es herrschte exakt jene Stimmung, die man in vielen Abschlussklassen vorfindet, nachdem die letzten Klausuren geschrieben wurden und die Schulzeit sich dem Ende zuneigt: Alle sind entspannt, es wird gelacht und gequatscht. Schön und traurig zugleich.

Ich hoffe sehr, dass wir das in den kommenden zwei Jahren beibehalten können – aber ich bin gerade guter Dinge.

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Abenteuer mit dem E-Auto

Anfang Juli entschlossen wir uns, bei einem der größten Deutschen Autohäuser ein Elektroauto zu kaufen. Das Geld war innerhalb eines Tages überwiesen, das Auto stand bereit – aber die Papiere kamen und kamen nicht. Tage vergingen, dann Wochen. Aus dem Urlaub heraus schrieben wir Mails und telefonierten, setzten Fristen und traten schließlich vom Kauf zurück.

Dem folgte die nächste Hürde: Der gesamte, fünfstellige Betrag wurde nicht zurücküberwiesen. Wieder Aufwand betrieben und hingefahren, Gespräche gesucht und Verbindlichkeiten eingefordert. Die Laune war eher auf dem Tiefpunkt. Mitte August erhielten wir schließlich, nach zähem Ringen, unser Geld zurück. Eine Alternative – gleiches Auto, aber gebraucht – haben wir nach nettem Kontakt bei Ebay Kleinanzeigen gefunden und gekauft.

Inzwischen ist publik: Das Autohaus ist insolvent – angezahlte Autos gehen in die Insolvenzmasse über. Wären wir nur etwas geduldiger und vertrauensvoller geblieben, hätten wir sehr, sehr viel Geld verloren.

Viel spannender ist aber die Frage: Wie ist das Leben mit einem Elektroauto?

Im Vorfeld hatte ich doch einige Unsicherheiten:

  • Funktioniert das heimische Aufladen an der Steckdose problemlos?
  • Tausend Anbieter von Ladesäulen? Karten? Accounts? Worauf muss ich achten?
  • Welcher Typ Stecker macht… was? Hä?
  • Muss ich auf die Batterieanzeige des Autos achten oder auf die prognostizierte Kilometerzahl?
  • …

Der gekaufte MG4 hat unseren Zweitwagen ersetzt: Klein, günstig und ohne viel Schnickschnack. Der Gedanke war, mit diesem Modell auszutesten, was möglich ist und den Familien-Benziner so weit wie möglich stehen zu lassen.

Nun, das hat funktioniert:

Acht Wochen später sind wir mit dem Stromer über 4000 Kilometer gefahren – während der Familien-Van komplett in den Hintergrund gerückt ist. Sogar eine lange Tour bis nach Berlin haben wir mit dem MG unternommen, obwohl er mit seinem kleinem Akku und langsamem Laden dauerhaft nicht als Langstreckenauto geeignet ist.

Rückblickend habe ich mir völlig unnötig (wenn auch vielleicht verständlich) Sorgen gemacht: Am einfachsten ist das Laden beim Tesla Supercharger-Netzwerk. Kein Account, kein gar nichts. Nur Kreditkarte dranhalten und laden. Das macht die Planung für längere Strecken vorhersehbar und überaus bequem. Als ich das ein paar Mal durchgespielt und verstanden habe, folgten Accounts bei anderen Anbietern.

Das Laden an der heimischen Steckdose ist fantastisch: etwa 12 Euro kostet mich das „Volltanken“ meines MG, mit dem ich im Stadtverkehr knappe 270 km weit komme. Auch die Aufregung „Hält der Akku, was er verspricht“ ist langweiliger Routine gewichen: Das Auto fährt und fährt und fährt.

Niemals wieder werde ich den Luxus des Elektroautos aufgeben. Als Familienauto ist der MG4 dauerhaft zu klein, aber das wussten wir auch vorher schon. Die Tage des Citroën sind gezählt.

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Reise nach Hannover zu mobile.schule

Anfang der Woche war ich in Hannover auf der Tagung mobile.schule und habe einen Einblick in unsere Schule („800 Kinder, 800 Stundenpläne“) erzählt. Auf einer Messe zu sprechen ist immer nochmal etwas anderes, als vor einer geschlossenen Gesellschaft: Es kostet Mühe, sich nicht vom Umgebungslärm und dem Troubel der Halle aus dem Konzept bringen zu lassen. Zuletzt habe ich das 2019 auf der Didacta machen dürfen.

Spannend sind bei solchen Ereignissen die Begegnungen mit Menschen, die man sonst nur online kennt: Andreas Hofmann zum Beispiel, der die mobile.schule vor vielen Jahren mit einer Gruppe engagierter Schüler und einem Laptop gegründet hat. Oder Jan Vedder, mit dem ich mich kurz ausgetauscht habe, weil wir im kommenden Jahr als Verbund mehrerer Schulen einen großen Fortbildungstag organisieren und ihn gerne als Referenten dabei hätten.

Ich mag diese Ausflüge und Gespräche sehr – auch, weil ich danach immer wirklich gerne nach Hause komme. Ich arbeite so gerne an meiner Schule, mag unsere Abläufe und das Maß an Zufriedenheit unter Kindern und Mitarbeitenden.

In NRW sind es noch dreieinhalb Wochen bis zu den Herbstferien – die letzten beiden Wochen verbringen unsere 9er und 10er im Praktikum und sammeln Erfahrungen. Auch auf diese Gespräche freue ich mich.

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Fordern und Fördern und lachen

„Stop, Steffi: Was sind alpha, beta, gamma?“ Seyma sieht mich an, ist aber völlig von der Rolle. Ich versuche ihr zu helfen: „Fängt mit W- an und hört mit -inkel auf.“
Allenthalben Kichern in der Klasse, was Seyma noch mehr aus der Bahn wirft.

„Variable?“

Gröhlendes Gelächter und damit auch der endgültige Streich unter meine Bemühung, die Stunde zu einem guten Ende zu führen. Die Klasse johlt und packt ihre Sachen. Auch Seyma grinst und schüttelt den Kopf.

Nachdem wir zu Beginn der 8. Klasse ein tiefes Tal an Antriebslosigkeit und Lethargie durchqueren mussten und meine Co- und ich die Kinder über Tage hinweg völlig stumpfsinnige Reflektionsaufsätze haben schreiben lassen, ist der Start in das neue Schuljahr ein Unterschied wie Tag und Nacht: Es wird viel gelacht und gelernt und sich unterstützt.

Aber: Wo immer sich kleinste Undiszipliniertheiten auftun, sind wir Lehrkräfte mit brachialer Präsenz zur Stelle: Ersten Vokabeltest im neuen Fach verzammelt? Sofort gibt es ein Gespräch bei uns. Sportsachen vergessen? Direkt antanzen.

Die konsequente Bekämpfung von Undiszipliniertheiten führt dazu, dass der reguläre Unterricht unwahrscheinlich viel Spaß macht. Die Jungen und Mädchen treiben sich gegenseitig nach oben – eine Gruppe von Mädchen hat sich das Ziel gesetzt, gemeinsam in die Oberstufe zu kommen und Rituale und Lernstrategien für sich entwickelt.

Ich glaube, dass diese Mischung aus berechenbarer, klarer Führung mit transparenten Forderungen auf der einen, und großer Freiheit, Wertschätzung und Lust auf Neues auf der anderen Seite ein gesunder Weg ist, um durch die Schule (und das Leben) zu kommen. Fordern und fördern und lachen.

In den letzten zwei Wochen habe ich in jeder einzelnen Mathematik-Stunde mit der „Thinking-Classroom-Methode“ gearbeitet: Zufallsgruppen, arbeiten an Whiteboards und viel diskutieren über vertiefende Denk-Aufgaben. Und sowohl in der 6 als auch in der 9 klappt das inzwischen völlig routiniert und sorgt für eine spannende Durchmischung: Jeder lernt mit jedem zu arbeiten. Die Kleingruppen ermöglichen, dass auch die unsicheren Kinder stark zu Wort kommen, nachfragen, aufschreiben und Ideen einbringen. Ich liebe das.

Ein hilfreicher Kniff dabei: Es gibt Flipchart-Papier aus Folie, das durch elektrostatische Aufladung an Fenstern, Wänden und Türen haftet . Mit abwischbarem Whiteboard-Markern beschrieben, kann ich die mehrfach verwenden und muss hinterher nicht die Fenster und Türen putzen – überaus praktisch. (Amazon-Link)

Und wenn am Ende des Tages eine Mathematik-Stunde in der 9. Klasse mit viel Gelächter und Frotzelei endet, dann weiß ich, wie gerne die Kinder in die Schule kommen. Und das ist ein Aspekt, den ich in diesen furchtbar anstrengenden Zeiten sehr, sehr wertschätze.

 

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Rede zum Schuljahresanfang und Oscar-Verleihung

Die erste halbe Woche des Schuljahres ist an Intensität und Schlagzahl kaum zu übertreffen.
Im Vorfeld müssen allerhand organisatorische Dinge erledigt werden. Das sind manchmal offensichtliche Dinge (Kind X muss die Klasse wiederholen, also braucht es einen neuen Stundenplan) aber oft auch kleiner Firlefanz, der schlichtweg Zeit kostet: Die Belegung der naturwissenschaftlichen Räume zum Beispiel. In jeder Klasse gibt es NW, Physik, Biologie oder Chemie. Für einzelne Schüler (wir haben 800 Stundenpläne für 800 Kinder) kann es sogar sein, dass sie dreimal pro Woche im Labor sind. Aber wann belegt welcher Kurs welches Labor?
Es fasziniert mich sehr, diese Abläufe zu beobachten: Unsere Schule ist wie ein gewaltiger Motor, der wieder ans Laufen kommt. Es summt und brummt und die Kolleg*innen haben Lust und scharren mit den Hufen. Eine gewaltige Maschinerie, die nach fünf Wochen absoluter Ruhe zum Leben erweckt wird. Wahnsinn.

Parallel läuft die Vorbereitung des Einschulungstages. Im Vorfeld habe ich mich mehrfach mit den Klassenlehrkräften getroffen und mir sowohl ihre Wünsche und Sorgen angehört, als auch meine Erwartungen ausgedrückt. Auch wenn „Disziplin“ einen zuweilen faden Beigeschmack hat, bin ich fest davon überzeugt, dass Schule nur dann ein guter Ort sein kann, wenn der Alltag strukturiert und geordnet abläuft. Und das heißt auch, sich von Minute 1 an intensiv um jene Kinder zu kümmern, denen das Befolgen von Regeln noch schwer fällt.

Am Mittwoch dann Einschulung und für meine Eröffnungsrede hatte ich mir zwei Dinge ausgedacht:

  1. Über ein kurzes Stück Schlauch sind zwei Luftballons miteinander verbunden: Ein wenig aufgeblasener und ein groß aufgeblasener Ballon. Eine Klammer verhindert, dass die Luft vom einen in den anderen ströhmt.
    Ich fragte Kinder und Eltern, was geschähe, wenn ich die Klammer entfernte und alle waren sich einig: Der große pustet den kleinen auf. Ein ziemlich langweiliges Experiment, konstatierte ich, wenn man schon weiß, was rauskommt. Ziemlich unspektakulär und überhaupt.
    Ich entfernte die Klammer und – Überraschung – der kleine Ballon verlor alle Luft und der große wurde noch größer. Ich nutzte das als Metapher dafür, dass Fehler gemacht werden dürfen und Schule dazu da sei, seine eigenen Vorstellungen und Gedanken zu hinterfragen. Oft lohne sich ein zweiter Blick – das gälte nicht nur für Unterricht, sondern auch füe Menschen.
  2. Und damit zog ich mein Jacket aus. Darunter war mein gebügeltes Hemd ziemlich schmutzig, bemalt und zerrissen. Sogar ein Ärmel fehlte.
    Ich erzählte, meine Kinder hätten es zum Verkleiden benutzt und nutze mein Erscheinungsbild wiederum als Metapher: Wir schauen oft nur oberflächlich und denken: „Der hat alles im Griff!“ „Die weiß gewiss alles!“
    Aber unter der Oberfläche – unter dem Jacket – sieht man nicht, wenn jemand einsam ist. Oder Angst hat. Oder Streß zu Hause hat.
    Ich betonte, dass wir eine Schule nicht nur für Mathematik und Physik und Kunst sind, sondern auch eine, die gemeinsam mit den Kindern durch schwere Tage und Zeiten geht.

Anschließend gingen die Kinder in die Klassen, ich langweilte die Eltern noch mit dem Ablauf der ersten Tage und dann war es auch schon rum.

Neben ein wenig Unterricht gab es dann am Freitag die Oscar-Verleihung. Dabei wurden die Besten aller Jahrgangsstufen prämiert und auch – meine Lieblingskategorie – jene Kinder, die gewaltige Entwicklungsschritte oder sich ansonsten verdient gemacht haben. Die Veranstaltung wird in die Klassenräume übertragen, die neuen Fünftklässler sind das Live-Publikum vor Ort. Es ist immer wieder sehr bewegend, wenn die Fünfer mit großen Augen dasitzen und nicht minder, wenn bei einzelnen Preisträgern die Augen glänzen vor Stolz und Rührung. Ich liebe das sehr.

Meine Co-Klassenlehrerin und ich sind mit Volldampf in unsere Klasse gestartet: Im Oktober stehen zwei Wochen Praktikum und zwei Wochen Herbstferien an – entsprechend ist die erste Klausurenphase bereits in drei Wochen. Das wird knackig. Aber die Stimmung ist gut, niemand hängt gedanklich noch in den Sommerferien fest. Das ist insbesondere erfreulich, da die 9. Klasse an Gesamtschulen mit dem Erreichen des Ersten Schulabschlusses endet – entsprechend kann man nun zum ersten Mal sitzen bleiben. Das erhöht die Schlagzahl etwas. Auch das mag ich.

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Startposition: Ich freu mich so.

Eine Woche, bevor die Schule wieder losgeht, hat sich unser Schulleitungsteam für letzte und intensive Vorbereitungen getroffen. Schon in diesen Tagen trifft man vereinzelt Kolleg*innen, die schon reinschnuppern und Bücher sortieren, nochmal mit dem Hausmeister durch die Klassen gehen und richtig Lust haben, wieder loszulegen.

Das neue Jahr wird ganz spannend für uns: Wir starten in der Oberstufe in eine Kooperation mit dem Evangelischen Gymasium der Stadt Siegen. Der Schulträger denkt laut über eine Erhöhung der Zügigkeit unserer Schule an, von vier auf fünf parallele Klassen (hoffentlich nicht – je größer der Laden, desto schwieriger, die Qualität so hochzuhalten) und weil wir eh schon zu wenige Räume haben, gehen auch die Planungen für den Um- und Neubau in die weiteren Verhandlungen.

Tatsächlich startet das Jahr unverhofft gut: Eine Schülerin der Unterstufe, die im vergangenen Jahr sehr mit Mathematik (und mir) gekämpft hat, schrieb mich unvermittelt an und präsentierte, wie sie via Anton-App Mathematik in den Ferien gelernt habe.
Ich freue mich sehr über begabte und kluge und neugierige Kinder – aber nichts lässt mein Herz so hoch schlagen, wie jene Kinder, denen das Verständnis richtig schwer fällt und die sich nicht hängen lassen, sondern richtig anstrengen. Jahr für Jahr gibt es „4en“, die ich lautstark feiere und mit den Kindern zelebriere: Anstrengungs-Noten. Richtige Schweiß-Noten. Denn im langen Atem zahlt sich solche Anstrengung immer aus und Verständnis (und Noten) werden Schritt für Schritt über die Jahre besser. Ich liebe das so.

Außerdem wunderbar: Ich habe einen neuen Job.
Ich bin künftig regelmäßiger Vorlese-Onkel im Kindergarten meiner Ortsgemeinde und das kommt meiner eigenen, leider versäumten Theater-Karriere ebenso zupass, wie der Tatsache, dass die Kinder im Allgemeinen zu wenig lesen. Weil ich verhältnismäßig groß bin, gleicht mein Auftreten im Kindergarten eh schon einem Naturereignis – und das ist ein guter Start, künftig Abenteuergeschichten zu lesen. Habe mich regelmäßig für Nachmittage und in den Herbstferien auch für Vormittage einplanen lassen. Und was soll ich sagen? Ich kann es kaum erwarten!

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Elektrifizierung: Hui und Pfui. #2

Elektrifizierung: Hui und Pfui. #2 5

Vor zweieinhalb Jahren habe ich mir ein Balkonkraftwerk zugelegt (klick). Anfang 2024 gehörte ich damit (entsprechend der Diffusionstheorie von Rogers) weder zu den Innovators noch den Early Adoptors – aber doch zumindest zur „Frühen Mehrheit“.

Mit viel Freude betrachte ich seitdem die App und feiere jede eingesparte Kilowatt-Stunde – und mittlerweile sind da einige Tausend zusammengekommen. Die gesparten Ausgaben sind für mich nur ein Teil des Gewinns – noch mehr erfreue ich mich am Gedanken, wie viel weniger Gas und Kohle verbrannt werden mussten. Wunderbar.

Schon seit längerem ist mir auch klar, dass unsere beiden Autos durch Elektrofahrzeuge ersetzt werden – aber ich hänge der Überzeugung an, dass es für die Umwelt am besten ist, wenn ich mein altes Fahrzeug so lange fahre, wie irgendwie möglich.

Traditionell haben wir wenig Glück mit Autos in unserer Familie: Mitten im Urlaub meldet der, vorher zum letzten Mal auf Vordermann gebrachte Familien-Van, einen Motorfehler an. Notdürftig repariert verliert auf der Rückfahrt mitten in der Nacht, ein LKW vor uns seinen Reifen und wir poltern mit hoher Geschwindigkeit drüber. Glück im Unglück: Außer einem riesigen Schlag ist nichts passiert: Es fehlt ein Teil der Frontverkleidung und der Auspuff scheint mir eingedellt zu sein – aber der Wagen tuckert treu die 1000 Kilometer nach Hause. Spötter unken, dass unser Citroën nun endlich wirklich aussieht, wie ein französisches Auto. Ein bisschen muss er aber noch durchhalten.

Anfang der Woche haben wir den Zweitwagen abgestoßen und uns ein gebrauchtes Elektrofahrzeug gekauft: Einen MG4 in der Basisausstattung, drei Jahre alt mit knapp gefahrenen 40.000 Kilometern. Preislich liegt der etwas über der Region eines Dacias. Ein Auto für Leute, die keine Kredite für ihr Auto aufnehmen wollen.

Elektrifizierung: Hui und Pfui. #2 6

Und… bei allem, was Recht ist:

Bereits nach zwei Minuten Fahrt wächst in mir das Bedürfnis, auch den großen Benziner-Citroën loszuwerden. Wie geschmeidig der MG fährt. Wie leise. Wie sparsam. Ich möchte nie wieder zurück zum Benziner.

Wieder gehöre ich weder zu den Innovators, noch den Early Adaptors – doch inzwischen sind die Preise derart gefallen, dass sich auch dem Gebrauchtmarkt gute Fahrzeuge finden lassen. Und gemeinsam mit der frühen Mehrheit lasse ich mich nun überzeugen und schwimme mit. Lade ich den Wagen an der heimischen Steckdose, bereitet mir Balkonkraftwerk jetzt noch mehr Freude. Durchschnittlich fährt der MG mit etwa 3-4 €uro Strom pro 100 Kilometern das ist etwa ein Viertel dessen, was der Citroën kostet.

Spannend – und ehrlichereise beschämend – ist jedoch die außerhäusliche Ladestruktur: Ich versuche zunächst, ohne irgendelche Karten, Abos und Anmeldedienste klarzukommen. Laden beim Lidl geht aber nicht so einfach. Erst müsste ich mich anmelden, allerlei Daten hinterlegen und während ich das noch versuche, werde ich ausgeloggt und gebe schließlich entnervt auf. Zehn Meter weiter steht ein HyperCharger. „Einfach App installieren und laden“, besagt das Display. Aber welche App? Das steht da nicht. Nach ein paar Minuten hilflosen googlens habe ich gelernvt, dass der Hypercharger zu Alpitronic gehört. Aber auch hier muss ich mich zunächst registrieren, eine Karte bestellen und… okay okay…

Am Ende des Tages teste ich missmutig den SuperCharger von Tesla. Einstecken. Handy vorhalten. Fertig. Keine dreißig Sekunden hat das ganze gedauert. Keine Registrierung. Nichts. Mein Auto lädt.

Ich verachte und verurteile Elon Musks Einflussnahme in die (deutsche) Politik. Aber ich muss neidlos anerkennen, dass die Amerikaner in der Lage sind, eine Ladeinfrastruktur aufzubauen, die es mir sehr leicht macht. Und am Ende wäre es mir auch egal, ob ich ein paar Cent mehr bezahle, als bei EnBW oder ARAL oder wie sie alle heißen – ich will Zuverlässigkeit und Bequemlichkeit. Ich will mich darauf verlassen können, auf der Autobahn laden zu können, ohne mich durch einen Karten- und Tarifdschungel schlagen zu müssen.

Mit den frisch gesammelten Erfahrungen machen wir uns aktuell auf die Suche, Ersatz für den großen Citroën zu finden. Denn spätestens nach dem überfahrenen Reifen sind dessen Tage gezählt. Aber verschulden möchte ich mich auch nicht – insbesondere, da unsere Ölheizung durch eine Wärmepumpe ersetzt werden wird. Aber davon erzähle ich ein andernmal.

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