❌

Normale Ansicht

"Mein Bildungsraum": Millionengrab für eine digitale Zeugnismappe

26. Oktober 2026 um 11:46

Die Bundesregierung hat das digitale Großprojekt „Mein Bildungsraum“ begraben. Von dem Versprechen, lebenslanges Lernen zu fördern, ist nurmehr eine digitale Zeugnismappe geblieben. Die Gründe für das Scheitern lassen sich benennen. Ein Kommentar.

Grabstein mit der Aufschrift "memento mori"
Ohne Aufsehen endete des Projekts "Mein Bildungsraum" (Symbolbild) – CC-BY-SA 4.0: Grabsteindetail Granary-Friedhof Boston: Wikimedia Commons / Rhododendrites; Bearbeitung: netzpolitik.org

„Mein Bildungsraum“ – ein großer Name für ein inzwischen sehr kleines Projekt. Gestartet hat es vor gut fünf Jahren als Nationale Bildungsplattform (NBP). Sie sollte ein Angebot für alle Bürger*innen sein, das ihnen – „vom kleinen Schulkind bis zum Rentner“ – über eine „Digitale Vernetzungsinfrastruktur“ lebenslanges Lernen ermöglicht.

Ohne großes Aufsehen hat der Bund sie zu Grabe getragen; geblieben ist nur eine digitale Zeugnismappe unter dem Projektnamen „Digitale Bildungsnachweise“. Eine sehr teure Zeugnismappe, die insgesamt 236 Millionen Euro (PDF) verschlang. So viel hat das Projekt NBP seit Beginn gekostet.

Für dieses Scheitern sind drei wesentliche Fehler entscheidend. Erstens war das Projekt von Beginn an vage konzipiert. Zweitens fehlte eine klare Governance-Struktur. Und drittens entwickelte der Bund die Plattform über die Köpfe der Länder hinweg.

Als Tiger gesprungen

Die Ursprünge der NBP reichen bis ins Jahr 2020 zurück. Damals plante die Große Koalition, staatliche und private Bildungsangebote, ‑materialien und ‑software an einem Ort zu bündeln. Hinter der Plattform stand neben Saskia Esken (SPD) auch die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Für die Umsetzung war das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unter Anja Karliczek (CDU) zuständig.

Die Projektkasse war prall gefüllt: Satte 630 Millionen Euro standen für das Vorhaben zur Verfügung, Geld aus einem Corona-Fördertopf der EU. Doch spätestens unter Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) wurde es ruhig um die NBP. Das Vorhaben erhielt zunächst seinen neuen Namen; 2024 fiel Mein Bildungsraum dann in die Zuständigkeit der Agentur für Sprunginnovationen (Sprind).

Vor gut einem Jahr suchte die Sprind noch Personal für das Projekt. Zur gleichen Zeit gab es im gitlab letzte Aktualisierungen zum Projekt, etwa zur App CloudPDF. Mithilfe von CloudPDF sollen Schulen, „digitale Abiturzeugnisse mit qualifizierten elektronischen Siegeln“ ausstellen können.

Heute bezeichnet „Mein Bildungsraum“ nur noch das Rahmenprojekt für genau diese App. Die Bundesdruckerei setzt sie um. Laut dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) sollen Bildungsnachweise dieser Art langfristig in der digitalen Brieftasche „d‑you“ abgelegt werden. Eine EUDI-Wallet-fähige Lösung wolle man noch in diesem Jahr testen, erklärt das Ministerium auf Anfrage. Ein Pilotbetrieb sei ab April 2027 geplant.

–––

Gegen Ausweiskontrollen im Netz.
Wir kämpfen für ein offenes Internet. Das geht nur mit deiner Unterstützung.

–––

Vage konzipiert

Der Niedergang des Projekts als Bildungsplattform ist rückblickend wenig überraschend. Schon 2020 fragte eine Studie im Auftrag der Wikimedia Deutschland danach, welche Ziele die Plattform verfolgte. Die Verfasser*innen kritisierten damals, dass das BMBF die „ökonomische Verwertbarkeit“ von Wissen als Maßstab für gute Bildung verstand und das zugrundeliegende Bildungsideal nicht öffentlich diskutiert wurde.

Zudem habe das Projekt technisch nicht bei Null angefangen, so die Studie. Vielmehr sollten bestehende Lösungen „als Einzelanwendungen“ integriert werden. Dabei sei nicht ausreichend geprüft worden, ob diese Lösungen auch zur NBP passen.

Auch das Projektmanagement sei chaotisch gewesen. „Man wollte zu viel auf einmal“, erklärt Anne-Sophie Waag gegenüber netzpolitik.org. Sie ist Referentin für Bildungspolitik bei Wikimedia Deutschland und hatte Einblick in verschiedene Phasen der Projektentwicklung. Sie kritisiert besonders, dass Lehrende, Fachleute aus der Wissenschaft, Bildungseinrichtungen und Schüler*innen bei der Entwicklung der Plattform kaum einbezogen wurden. Dabei sollten gerade sie die Plattform später nutzen.

Fehlende Governance-Struktur

Außerdem habe von Anfang an eine klare Governance-Struktur gefehlt, so Waag. Niemand habe sich den Schuh für das Projekt anziehen wollen. Bis zum Ende blieb unklar, wer das Projekt verantwortet, wer es betreibt und welche Mindeststandards gelten. Als Stark-Watzinger die Zuständigkeit an die Sprind übergab, war die Funktion, Lernmaterialien über die Plattform teilen zu können, „schon nicht mehr Herzstück des Projekts“, so Waag.

Thomas Jarzombek, damals bildungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion, warf Stark-Watzinger vor gut zwei Jahren vor (€), sich „mit diesem Großprojekt verrannt“ zu haben. Sie solle sich das Know-how der Edtech-Start-ups zunutze machen, lautete Jarzombeks Vorschlag. „Edtech“ steht für „educational technology“, also technologische Lösungen für den Bildungssektor. Das könnte auch einer Zentralisierung des Großprojekts entgegenwirken: „Bund und Länder könnten wichtige Lehren aus dem interessanten Entwicklungsansatz und der Einbeziehung von Edtech-Start-ups ziehen“, so Jarzombek.

Über die Länder hinweg

Doch statt sich mit den Ländern abzustimmen, entwickelte der Bund die Bildungsplattform über deren Köpfe hinweg. Gerade aber in Bildungsfragen wollen sich die Länder nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.

–––

Die Arbeit von netzpolitik.org finanziert sich aus den Spenden unserer Leser:innen.
Unterstütze auch du unseren gemeinwohlorientierten, werbe- und trackingfreien Journalismus. Spende jetzt..

–––

Die Kritik des Bundesrechnungshofs gab ihnen bereits 2022 recht. In einem Bericht bezeichnete er die NBP als „Parallelentwicklung“ des Bundes. Dieser habe weder den „Bedarf“ einer solchen Plattform dargelegt, noch habe er in diesem Fall die Finanzierungskompetenz.

Die Länder gehen beim Thema digitale Bildungsinfrastruktur seit Jahren eigene Wege, mit öffentlichen wie mit privaten IT-Dienstleistern. Ihre jeweiligen Lösungen sind nicht ohne Weiteres länderübergreifend einsetzbar, weil ihnen gemeinsame Schnittstellen und Standards fehlen. Von einer übergeordneten Bildungsinfrastruktur ist Deutschland daher nach wie vor weit entfernt.

Es gibt offene Alternativen

Eine solche nationale Struktur bräuchte es auch nicht, sagt Anne-Sophie Waag von Wikimedia Deutschland. Viel wichtiger sei es, den Bildungssektor nicht zum reinen Bildungsmarkt werden zu lassen. Dafür brauche es Gegengewichte und das heißt: öffentliche und vor allem offene Projekte. Bestehende Lernplattformen wie Moodle, ILIAS und Stud.IP seien nicht nur Open Source, so Waag, sondern auch interoperabel.

Doch auch wenn zahlreiche Bildungseinrichtungen diese Software-Angebote nutzen, kämpfen diese dennoch fortwährend ums Überleben. Sie bestehen oftmals nur deshalb fort, weil sie durch ehrenamtliche und unbezahlte Arbeit getragen werden. Hätte der Bund auch nur einen Bruchteil der 236 Millionen Euro in diese Projekte gesteckt, sähe das heute anders aus.

–––

Deine Spende für digitale Freiheitsrechte
Wir berichten über aktuelle netzpolitische Entwicklungen, decken Skandale auf und stoßen Debatten an. Dabei sind wir vollkommen unabhängig. Denn unser Kampf für digitale Freiheitsrechte finanziert sich aus den Spenden unserer Leser:innen. Jetzt spenden.

Wie offene KI die Schule verändert

06. August 2025 um 12:40

Wie kann KI sinnvoll und verantwortungsvoll in der Schule eingesetzt werden? Genau dieser Frage widmete sich im Juni 2025 die Tagung »Offene KI in der Schule«, organisiert vom Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung Niedersachsen (NLQ) und dem gemeinnützigen Verein Wikimedia Deutschland.

Zwei Tage lang trafen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Ministerien, Schulverwaltungen, Schulen und zivilgesellschaftlichen Organisationen in Lehrte bei Hannover, um über eine zentrale Zukunftsfrage zu diskutieren: Wie schaffen wir es, gemeinwohlorientierte, offene KI-Lösungen in der Schule nachhaltig zu verankern?

Warum betrifft das besonders Lehrkräfte?

Viele der diskutierten Themen zielen direkt auf den Alltag von Lehrkräften ab. Denn sie sind es, die neue KI-Tools im Klassenzimmer anwenden, beurteilen und mitunter kritisch hinterfragen müssen.

Ein zentraler Fokus lag deshalb auf der Entwicklung praxisnaher Fortbildungsformate, die Lehrkräften helfen sollen, den Überblick über aktuelle Entwicklungen zu behalten, Potenziale zu erkennen und gleichzeitig Risiken einordnen zu können. Es geht um die Stärkung pädagogischer Souveränität.

Auch eine potentielle Einführung einer zentralen KI-Informationsplattform (ähnlich wie OERinfo) wurde diskutiert. Sie könnte künftig Anlaufstelle für fundierte Informationen, Best-Practice-Beispiele und rechtliche Rahmenbedingungen werden.

Was ist »offene« KI und warum ist das wichtig?

Im Gegensatz zu proprietären Systemen großer Tech-Konzerne steht bei offenen KI-Lösungen das Gemeinwohl im Mittelpunkt. Sie sind transparent, datenschutzkonform und können an schulische Bedürfnisse angepasst werden. Das bedeutet: Schulen behalten die Kontrolle über Daten, Inhalte und Anwendungen.

In der Tagung wurde betont, wie wichtig es ist, Pilotprojekte zu starten, um konkrete Erfahrungen mit offenen KI-Systemen zu sammeln. Am besten in Zusammenarbeit mit engagierten Lehrkräften, die bereit sind, Neues auszuprobieren und mitzugestalten.

Drei große Themenblöcke wurden intensiv diskutiert

  1. Rechtlicher Rahmen: Was bedeutet die neue EU-KI-Verordnung für Schulen? Welche Qualitätskriterien sind für den Einsatz von KI notwendig
  2. Technische Umsetzung: Wie kommen offene KI-Lösungen überhaupt in die Schule? Was braucht es infrastrukturell?
  3. Fortbildung & Qualifizierung: Welche Art von KI-Fortbildung ist nachhaltig und alltagstauglich für Lehrkräfte?

Hier stehen die Ergebnisse zum Download zur Verfügung. 

Einladung zur Folgeveranstaltung im Februar 2026

Die Diskussion endet hier nicht, im Gegenteil: Die nächste Tagung findet am 23.–24. Februar 2026 wieder in Lehrte statt. Wer also aktiv mitgestalten will, wie KI sinnvoll und verantwortungsvoll in Schule eingesetzt wird, sollte sich den Termin vormerken. Denn klar ist: Ohne die Perspektive der Lehrkräfte wird keine KI-Anwendung in der Bildungspraxis funktionieren.

Die Anmeldung ist ab Herbst über das NLC-Portal möglich. Wer eine Einladung zur Anmeldung erhalten möchte, kann sich über mich auf die Mailingliste zur Veranstaltung setzen lassen, um informiert zu werden.

Warum es sich lohnt, dabei zu sein:

  • Du erhältst Einblicke in aktuelle Entwicklungen rund um KI und Schule
  • Du kannst eigene Erfahrungen, Fragen und Perspektiven einbringen
  • Du vernetzt dich mit engagierten Bildungspraktikerinnen und ‑praktikern und bildungspolitischen Entscheidungsträgerinnen und ‑trägern aus ganz Deutschland

Der Beitrag Wie offene KI die Schule verändert erschien zuerst auf kits.

❌