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Millionenbetrug mit Fake-Songs: Wer stoppt die KI-Musikflut?

02. November 2026 um 11:00

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KI-Songs Musik Betrug Spotify Streaming

Für künstliche Kunst stehen nicht nur Tür und Tor, sondern auch die Fenster weit offen. Doch was mit nervigem KI-Abklatsch begann, hat bei Streamingdiensten längst den Weg für Täuschung und ernsthaften Betrug betoniert. Gerade in der Musikbranche sind Deepfakes eine Häufigkeit. Das betrifft sowohl Künstler als auch Nutzer. Nur: Wer übernimmt die Verantwortung? Eine kommentierende Analyse.

Wie KI-Songs auf fremden Künstlerprofilen landen

  • Ein prominentes Beispiel ist Tara Nome Doyle. Die Singer-Songwriterin, Pianistin und Komponistin bekam eine E-Mail von Spotify, in der stand, dass demnächst neue Musik von ihr veröffentlicht werden würde. Doch sie hatte nichts dergleichen veranlasst. „Ich war erst mal einfach sprachlos und schockiert“, so Doyle in einem ARD-Podcast. Sie ist bei Weitem nicht allein mit solchen Erfahrungen. Vom US-amerikanischen Songwriter Jeff Tweedy über die legendäre Rockband Toto bis hin zum Jazzpianisten Jason Moran – sie alle sahen sich mit unautorisierten Veröffentlichungen in ihrem Namen oder auf ihren Profilen konfrontiert.
  • Brisant: Das Vorgehen ist so einfach, wie Songs mittels KI zu erstellen. Denn dafür müsse die Musik zusammen mit Artwork und Metadaten lediglich bei entsprechenden Digitalvertrieben eingereicht werden, die sie wiederum an typische Streamingdienste wie Spotify weitergeben. Der als Urheber hinterlegte Name wird in der Regel nicht verifiziert – und schon landet der KI-Kram auf Künstlerprofilen. Wie leicht sowas ist, hat der Musiker und YouTuber Venus Theory in einem Selbstversuch gezeigt.
  • Besonders aktuell ist der Kasus von Michael Smith aus North Carolina, der als erster bundesstrafrechtlich verfolgter Fall von manipuliertem Musikstreaming in den USA gilt – und von vielen entsprechend gefeiert wird. Nachdem Smith KI-generierte Musik bei Spotify und anderen Diensten veröffentlicht und via Bots in die Charts gebracht hat, wurde er zu 18 Monaten Haft verurteilt. Smith soll 1.040 Accounts verwendet und darüber täglich etwa 636 KI-Songs gestreamt haben, wie der Rolling Stone nach eigener Recherche berichtet. So soll er mehr als 1,2 Millionen Dollar im Jahr eingenommen haben.

Wer zahlt die Rechnung für KI-Betrug?

Auch Jason Moran hat vom Betrug in seinem Namen erst nichts mitbekommen. Denn das Fake-Album ist bei Spotify gelandet – eine Plattform, die er selbst gar nicht nutzt. Nur durch den Hinweis eines Freundes sei er darauf gestoßen. Und Moran staunte nicht schlecht, als er reingehört hat: „Auf der ganzen verdammten Platte kommt nicht mal ein Pianist vor. Das war nicht ansatzweise das, was ich machen würde.“ Das zeigt, wie undurchsichtig die Masche ist – und wie plump der Betrugsversuch sein kann.

Bislang haben wir uns mit der Künstlerseite beschäftigt. Doch was ist mit den Nutzern? Millionen Menschen bezahlen für Musikstreamingdienste – und finanzieren dabei mitunter unwissentlich ein System, in dem Betrüger mit KI-Fälschungen und künstlichen Klicks reichlich Geld scheffeln. Es geht also nicht nur darum, dass KI-Songs überhaupt entstehen (der Zug ist schon gar nicht mehr in Hörweite), sondern vielmehr darum, wie Betrüger mit KI-Musik manipulieren – und wer am Ende die Rechnung bezahlt.

Wie also dagegen vorgehen? Die Rechtslage bleibt ein Flickenteppich mit vielen Löchern, durch die Betrüger nach wie vor schlüpfen können. So befasst sich Artikel 50 der neuen EU-KI-Verordnung zwar mit Transparenzpflichten und Deepfakes, verbietet sie aber nicht. Dafür ist immer häufiger die Rede von Kennzeichnungen. Doch das Konzept kratzt allenfalls an der Oberfläche.

Stimmen

  • Tara Nome Doyle in ihrem Instagrampost von Februar 2026: „Überprüft eure Künstlerprofile, denn ich habe gerade festgestellt, dass unter meinem Namen Songs veröffentlicht wurden […], bei denen Bildmaterial verwendet wurde, das ganz offensichtlich KI-Versionen meines Artworks sind.“ Ferner bat sie darum, den Beitrag mit anderen Musikern zu teilen, denn sie „hätte es wahrscheinlich gar nicht mitbekommen, wenn [ihr] Manager nicht darauf hingewiesen hätte“.
  • „Michael Smith hat Super-Intelligence-Technologie ausgenutzt, um einen Betrug zu begehen“, erklärt der US-Staatsanwalt Jamie McDonald. „Indem er Musikstreaming-Plattformen mit automatisierten Bots anstelle von Verbrauchern und gefälschten Songs anstelle von kreativen Werken überschwemmte, hat Smith echten Künstlern und ihren Fans Tantiemen in Millionenhöhe vorenthalten.“
  • Tobias Holzmüller, CEO der GEMA, hat im Rahmen einer Studie zu KI in der Musikbranche bereits 2024 eine bedenkliche Prognose gestellt: „Die Urheberinnen und Urheber benötigen Transparenz und Kontrolle über die Nutzung ihrer Werke. Vor allem aber brauchen sie eine faire Beteiligung an den Erlösen, die sich im Bereich der generativen KI bis 2028 verzehnfachen werden.“

Warum Gesetze hinterherhinken

Der KI-Wahnsinn im Streaminggeschäft reicht von „nervig“ bis „betrügerisch“. Doch es bleibt keineswegs bei einzelnen Fake-Songs. Inzwischen gibt es sogar Label für KI-Musik. Und mit dem generativen KI-Tool Suno kann jeder anhand von Prompts ganze Musikstücke inklusive Gesang, Text und Instrumenten erzeugen. Das funktioniert aber nur, weil beispielsweise die Suno-KI mit Liedern trainiert wird, die echte Menschen geschrieben und komponiert haben. Stichwort: Urheberrecht. Schon im April 2023 haben wir gefragt: Ist KI der Totengräber des Urheberrechts? Seitdem hat sich viel getan – doch nicht zum Guten. Ein aktuelleres Beispiel sind Synchronsprecher, die Netflix boykottieren.

Zurück zum Musikbereich, denn hier hat die Flut zu einer Überschwemmung geführt: Immer mehr künstlich generierte Songs landen auf den Plattformen. Laut dem internationalen Musikstreamingdienst Deezer würden allein dort rund 90.000 KI-generierte Titel pro Tag erscheinen, was im Juni 2026 an Spitzentagen mehr als die Hälfte aller neuen Uploads ausgemacht habe – Tendenz kontinuierlich steigend.

Apropos Deezer: Der Anbieter hat Anfang des Jahres verkündet, bis zu 85 Prozent der KI-Musikstreams wegen Betrugs nicht zu monetarisieren. Technologische Hilfe, um solche Fälle aufzudecken, bietet ein hauseigenes KI-Erkennungstool, das Deezer jetzt verkaufen möchte – für mehr Transparenz in der Musikbranche. Ein Geschäft mit dem Missstand. Dennoch: Genau solche Lösungen braucht es, weil niemand so richtig Verantwortung übernehmen will.

Allerdings bleibt KI eine Landschaft voller Grauzonen. Gesetze und Regulierungen können mit dem Entwicklungsspeed nicht mithalten. Umso erfreulicher sind Urteile wie das gegen Michael Smith. Oder der Erfolg im Rechtsstreit der GEMA gegen Suno. Hier hat das Landgericht München festgestellt, dass Suno „durch das Training mit weltbekannten Songs aus dem Repertoire der GEMA in den USA, aber auch durch deren Speicherung und Wiedergabe in Europa gegen geltendes amerikanisches und deutsches Urheberrecht verstößt“. Fakt ist aber, dass neben dem Urheberrecht auch die Persönlichkeitsrechte von Künstlern besser geschützt werden müssen.

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Interview: „Lasst Euch nicht mit dem ersten Datensatz abspeisen!“

22. Oktober 2026 um 08:55

Welche Daten haben Unternehmen über uns gespeichert? Dank Datenschutzgrundverordnung müssen Unternehmen die eigenen Daten auf Anfrage herausgeben. Zwei Softwareentwickler haben das genutzt, um mit hunderten Anfragen ihr digitales Leben zu rekonstruieren.

Zwei Menschen stehen auf einer großen Vortragsbühne, auf der Slide hinter ihnen steht "Time to start our live demo"
Gregor Ziegltrum (links) und Dennis Schulz (rechts) präsentieren ihre Ergebnisse.

Gregor Ziegltrum und Dennis Schulz fragten mehr als hundert Unternehmen nach einer Kopie ihrer Daten – eine Möglichkeit, die die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) explizit einräumt. Sie wollten herausfinden: Was wissen die Unternehmen eigentlich über mich? Jeweils mehr als 6.000 Dateien bekamen die beiden zurück – und haben sie fleißig ausgewertet.

Herausgekommen ist ein Vortrag, den die beiden Softwareentwickler auf dem jährlichen Kongress ihrer Firma, TNG Technology Consulting, gehalten haben sowie auf den Datenspuren 2026. Dabei zeichnen sie mithilfe von Social-Media-Daten nach, wie sich ihre Interessen im Laufe der Zeit verändert haben und wie sich der eigene Tagesverlauf mit den verschiedenen Datenquellen rekonstruieren lässt.

Im Interview mit netzpolitik.org erzählen Schulze und Ziegltrum, wie einfach der Weg zu den eigenen Daten war, welche Hindernisse es gab und was sie aus ihrem Selbstexperiment gelernt haben. Außerdem geben sie Tipps, was man beim Nachmachen beachten sollte.

netzpolitik.org: Hallo Dennis, hallo Gregor. Ihr habt über 100 Unternehmen nach euren Daten gefragt. Wie seid Ihr auf diese Idee gekommen?

Gregor Ziegltrum: Wir haben uns beide unabhängig voneinander mit Spotify-Daten beschäftigt. Dennis hat daraus mit einem anderen Kollegen auch schon einen Vortrag gebaut. Und dann haben wir darüber nachgedacht, wie man das noch weiterspinnen kann.

Dennis Schulz: Mein Gefühl ist, dass viele sich schonmal gedacht haben: Meine Güte, man müsste doch mal diese ganzen Daten nehmen und gucken, was man daraus lernen kann. Aber dann macht man es nie.

„Wir sind einmal den Passwort-Manager durchgegangen“

netzpolitik.org: Welche Unternehmen habt Ihr angefragt?

Gregor Ziegltrum: Im Prinzip sind wir einmal den Passwort-Manager durchgegangen. Wir haben die großen Unternehmen angefragt: Meta, Spotify, LinkedIn, Reddit und alle Google-Services wie etwa YouTube. Aber auch Taxi-Apps wie Uber, Bolt und FreeNow.

Dennis Schulz: Wir haben auch unsere Banken angefragt und unsere Krankenkassen. Am Ende waren es fast 150 Stellen. Manche davon haben wir beide angefragt, manche nur einer von uns. Ich habe zum Beispiel noch die Deutsche Rentenversicherung und das Bundeskriminalamt angefragt. Dann auch eher kleinere Apps wie etwa „Trait“, die benutze ich zum Joggen. Da war ich offenbar der erste, der jemals nach Daten gefragt hat.

netzpolitik.org: Was habt ihr vorher noch nicht über euch gewusst?

Dennis Schulz: In den Daten steht drin, wie viele TikTok-Videos ich zu Ende geguckt haben. Das war schockierend und ist eine absolute Bestätigung, dass ich die App wieder gelöscht habe. Und in meinen Krankenkassendaten stand noch ein Nasenbeinbruch, den ich nie hatte. Ich habe inzwischen aber eine Vermutung, wo der herkommt.

Wie manche Unternehmen bei der Herausgabe tricksen

netzpolitik.org: Wie schwer war es, an die Daten heranzukommen?

Dennis Schulz: Extrem einfach. Ich finde, die meisten Unternehmen waren grundsätzlich relativ auskunftsfreudig und kooperativ. Das Nervige ist eher, dass man jedes Mal die E‑Mail-Adresse herausfinden muss, an die man die Anfrage schicken muss, oder den Service, mit dem man kommunizieren muss.

Es kommt aber vor, dass Unternehmen einen durch das Design ihrer Seite oder App dazu bringen wollen, nicht alle Daten anzufragen. Da gibt es dann zum Beispiel mehrere Optionen und wenn man die Option „Kompletter Datensatz“ wählt, kommt ein Warnhinweis: „Achtung! Da sind auch Log-Daten dabei, die nicht besonders nützlich sind, und es kann viel länger dauern, die zusammenzustellen. Möchtest du nicht lieber den kleinen Datensatz?“

Gregor Ziegltrum: Manchmal schicken Unternehmen bei der ersten Anfrage auch nur die Log-Daten der letzten 30 Tage, dann muss man noch mal nachfragen und dranbleiben.

Unternehmen ohne etablierte Prozesse fragen auch ganz oft, was man genau haben möchte. Mit der Aussage „alles“ kommen sie meistens nicht so gut klar, dann bekommt man manchmal nur die Stammdaten wie die Adresse. Hier lohnt es sich, in den Dialog zu gehen.

netzpolitik.org: Das heißt, es ist möglich, dass Unternehmen noch mehr Daten haben, die ihr aber nicht abgefragt habt, weil ihr euch gar nicht vorstellen konntet, dass das Unternehmen die hat?

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Gegen Ausweiskontrollen im Netz.
Wir kämpfen für ein offenes Internet. Das geht nur mit deiner Unterstützung.

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Gregor Ziegltrum: Vielleicht. Aber ich meinte gar nicht, dass die Firmen die Daten bösartig zurückhalten, sondern dass man in den Austausch gehen muss, damit man genau das bekommt, was man möchte. Also vor allem bei kleinen Firmen, wo das nicht voll automatisiert ist.

Dennis Schulz: Alle großen Firmen haben riesige Datenpakete geschickt. Und zum Beispiel bei Spotify bin ich auch ziemlich sicher, dass da wirklich alles drin ist, was die haben. Wir können es natürlich nicht überprüfen. Aber alles in allem sind das sehr umfassende Datensätze, wo auch Daten drin stehen, bei denen die sich vielleicht mal kurz gefragt haben: „Müssen wir das wirklich mitschicken?“

„Sorry for the inconvenience“

netzpolitik.org: Haben Euch Unternehmen Eure eigenen Daten verweigert?

Gregor Ziegltrum: Ja, das war beispielweise der Fall, wenn Unternehmen die Daten im Auftrag von anderen Firmen verarbeiten. Für solche „Auftragsverarbeiter“ und „Unterauftragsverarbeiter“ gilt das Auskunftsrecht der DSGVO nicht. Man kann beispielsweise nicht zu einer Kreditkartenfirma wie Visa oder Mastercard direkt gehen und alle Transaktionen anfragen. Das muss man entweder bei der eigenen Bank abfragen oder bei den Online-Shops, bei denen man bezahlt hat.

Dennis Schulz: Es gibt ein amerikanisches Start-up, von dem wir explizit eine E‑Mail bekommen haben, dass sie Datenherausgabe derzeit nicht als Service anbieten und dass sie extrem „sorry for the inconvenience“ sind. Das habe ich dann beim Datenschutzbeauftragten gemeldet. Aber da habe ich nichts mehr von gehört.

Gregor Ziegltrum: Ich hatte dasselbe auch bei einer Firma aus der Schweiz, mit deren App ich für meine Führerscheinprüfung gelernt hatte. Das ist allerdings schon länger her. Da habe ich eine Löschanfrage gestellt und sie haben gesagt: „Ne, das machen wir nicht.“ Obwohl sie mir freudig in der EU dieses Produkt verkauft haben, wollten sie nicht der DSGVO-Löschanfrage nachgehen.

Dennis Schulz: Nach unseren Vorträgen kommen häufig Leute zu uns und meinen, dass die DSGVO eher ein stumpfes Schwert ist. Aber jetzt aus unserer Erfahrung würde ich dem nicht so zustimmen. Ich weiß zwar nicht, ob dieses „stumpfe Schwert“ geschwungen wirklich so furchtbar ist. Aber zumindest haben die Unternehmen genug Angst, dass die meisten die Daten rausrücken.

netzpolitik.org: Ihr habt zusammen über 12.000 Dateien zurückbekommen, insgesamt fast fünf Gigabyte. Wie habt Ihr das alles ausgewertet?

Gregor Ziegltrum: Sobald ich einen neuen Datensatz bekommen habe, habe ich erst mal ein bisschen rumgeschaut. Ganz viele Firmen geben dir HTML-Darstellungen, bei denen du durch deine Daten durchklicken kannst und erfährst, was das zu bedeuten hat. Da kriegt man ein bisschen ein Gefühl dafür, wo interessante Sachen liegen oder was langweiliger ist.

Danach habe ich mit einem KI-Tool weitergemacht. Ich habe der KI gesagt, „Hier sind die Daten. Sag mir mal, was könntest du denn Interessantes daran finden oder erklär mir mal die Unterordner.“ Dann kann man wie in einem Gespräch seine eigenen Daten tiefer anschauen. Außerdem konnte ich so die Daten schnell etwa von einem Format in ein anderes umwandeln, von HTML zu einer CSV-Datei zum Beispiel.

Dennis Schulz: Ich war ein bisschen manueller unterwegs und habe einfach erst mal nach großen Dateien und nach Dateien mit vielen Timestamps gesucht. Aber ja, auch ich habe die KI viel für die Umwandlung von Daten und Dateiformaten benutzt. Denn einer der frustrierendsten Punkte bei dieser ganzen Auswertung waren die vielen unterschiedlichen Arten, wie Daten formatiert sind. Beispiel Kalenderdatum: Da steht manchmal das Jahr ganz vorne, manchmal ganz hinten – und manchmal ist das angegeben in Millisekunden seit dem 1. Januar 1970.

netzpolitik.org: Wie habt ihr sichergestellt, dass ihr die Daten jetzt nicht einfach einem KI-Unternehmen in den Rachen geworfen habt?

Gregor Ziegltrum: Am Ende habe ich meine Daten einem KI-Unternehmen in den Rachen geworfen. Aber ich habe mir vorher schon Gedanken gemacht, welche Datensätze ich da reinpacke und welche nicht. Meine Krankenkassen-Daten habe ich nicht da reingetan. Außerdem lief das bei mir über einen Anbieter, mit dem mein Arbeitgeber einen Vertrag hat, in dem auch das Training mit diesen Daten ausgeschlossen ist. Ich hätte das wahrscheinlich nicht mit einer kostenlosen Version von ChatGPT gemacht.

Trotzdem würde ich im Nachhinein mehr mit Trusted-KI-Hosting-Lösungen arbeiten, bei denen explizit kein KI-Unternehmen dahinter steht und wo vielleicht ein Open-Source-Modell gehostet worden ist.

Wenn TikTok die Uber-Fahrt trackt

netzpolitik.org: Von den angefragten Unternehmen: Welche App oder Firma wusste das meiste über Euch?

Dennis Schulz: Facebook.

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Gregor Ziegltrum: Bei mir war es YouTube.

Dennis Schulz: Facebook hat sich für mich am krassesten angefühlt, einfach weil das mein Leben vor 15 Jahren bis vor 10 Jahren ist. Da habe ich das intensiv genutzt und da stand am meisten drin, was ich jetzt peinlich finde. Weil man generell peinlich findet, was man vor 10 bis 15 Jahren gemacht hat.

Gregor Ziegltrum: Und für mich waren es ganz klar Google und YouTube, weil ich Facebook irgendwann nicht mehr benutzt habe. Mit meinem YouTube-Account bin ich seit 2012 unterwegs und da hat sich halt eben auch echt einiges angesammelt. Eine Slide unseres Vortrags hatte den Titel „Going Down Memory Lane“. Genauso habe ich mich gefühlt, als ich nach meinem ersten YouTube-Kommentar geschaut habe.

netzpolitik.org: Was hatten die für Daten von Euch?

Gregor Ziegltrum: Google im Generellen hat echt viele Services und dadurch auch viele Daten. Ich habe Google Cloud und Google Photos benutzt. Das heißt, die haben erst mal alle meine Fotos, die ich auf dem Handy habe. Die haben viele Cloud-Daten von mir. Die haben alle Kommentare, die ich auf YouTube geschrieben habe. Die haben meine Suchhistorie und meine Verlaufshistorie über Google Chrome. Die haben alle Spiele und Videos, die ich irgendwie bei Google Play gekauft habe. Weil ich YouTube Music verwende, haben die auch meine ganzen Musik-Playlists. Alle meine Kontakte. Und meine Kalendereinträge.

Dennis Schulz: Bei Facebook sind es wirklich hunderte Dateien, in denen alle möglichen unterschiedlichen Logs drin stehen. Was mich tatsächlich überrascht hat: Die Facebook-App speichert immer wieder, wie viel freier Speicherplatz noch auf dem Handy ist. Facebook speichert auch die IP-Adresse, die das Handy gerade hat und es steht auch ein Ort in den Daten, den sie aus dieser IP herleiten. Was mich aber am meisten angefasst hat, waren meine alten Chatverläufe: Dass alte Beiträge noch da sind, dass Kommentare noch da sind. Und dass noch gespeichert ist, wenn ich auf Werbung geklickt habe, wenn ich ein Event angeguckt habe.

Krass fand ich auch, dass alle größeren Firmen „Off-App-Activities“ gespeichert hatten. Da steht dann plötzlich zum Beispiel in den TikTok-Daten, dass man Spotify geöffnet hat oder eine Fahrt mit einem Uber abgeschlossen hat. Ich weiß nicht mal genau, wie diese Daten da hinkommen.

Gregor Ziegltrum: Eine Sache, die mich ein bisschen schockiert hat, war Uber. Die speichern nämlich für die „App Analytics“ Koordinaten, nicht nur für die Fahrten. Da steht dann, dass ich zu einer bestimmten Uhrzeit eine „Impression“ bekommen habe, und das war dann an dem Längen- und dem Breitengrad. Leider erklärt Uber nicht weiter, was diese Impressions genau sind. Ich denke es handelt sich um eine Push-Benachrichtigung im Zusammenhang mit einer Fahrt, oder dass ich die App geöffnet hatte.

Selbst im eigenen Datenschatz wühlen

netzpolitik.org: Habt Ihr euer Online-Verhalten nach der Recherche verändert?

Gregor Ziegltrum: Ich habe an vielen Stellen personalisierte Werbung ausgeschaltet. Ich möchte ja eigentlich am liebsten gar keine Werbung. Und wenn ich Werbung möchte, dann möchte ich eigentlich schlechte Werbung, damit ich da eh nicht draufklicke.

Dennis Schulz: Mir ist klar geworden, wie viel Zeit ich auf Sozialen Medien verbracht habe und dann habe ich die Apps alle vom Handy gelöscht. Jedes Mal, wenn ich jetzt irgendwo anklicke, dass meine Daten verwendet werden, überlege ich mir, ob ich das wirklich will. Andererseits möchte ich noch mehr finden für unser Projekt, das ist ein komischer Anreiz. Bei meinem aktuellen Auto habe ich die zugehörige App verbunden, auch ein bisschen, um in ein paar Monaten eine Anfrage zu schicken und mal zu schauen, was da passiert. Gregor hat zum Beispiel überlegt, ob er sich jetzt vielleicht die RewePlus-App anschaffen soll, damit er gucken kann, was die für Daten speichern.

netzpolitik.org: Was gebt Ihr anderen Menschen mit, die sich selbst mal durch den eigenen „Datenschatz“ wühlen wollen?

Gregor Ziegltrum: Lasst euch nicht mit der ersten E‑Mail und dem ersten Datensatz von einem Unternehmen abspeisen! Wenn ihr denkt, da ist noch mehr: Einfach noch mal nachfragen. Und je konkreter die Anfrage ist, desto konkretere Antworten bekommt man.

Dennis Schulz: Es ist cool, das zu machen. Man bekommt die Kontrolle über die Daten nicht zurück, aber man bekommt ein Gefühl dafür, was es heißt, dass diese Daten von einem im Netz bzw. bei irgendwelchen Unternehmen sind. Diese Daten sind ja eine Erweiterung der eigenen Person ins Internet hinein. Darüber zumindest ein Verständnis zu haben, ist extrem hilfreich, um sich in dieser Welt zu bewegen.

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